Gründer-Kolumne Vom Chaoten bis zum Allrounder

Produkt, Management, Finanzen, Marktzugang und interne Prozesse. Das sind die zentralen Erfolgsfaktoren für ein junges Unternehmen. Welcher Gründertyp kann diese Aufgabenfülle am besten bewältigen? Eine Analyse von Tobias Kollmann.

Wie und wann ist eine Unternehmensgründung erfolgreich? Um bestehende und neue Geschäftskonzepte zu überprüfen, können Erfolgsfaktoren wie das Produkt, das Management, die Finanzen, der Marktzugang und die Prozesse als Bewertungskriterien herangezogen werden (siehe: "Die Suche nach dem Heiligen Gral").

Um sie zu bewerten, kann man die Faktoren zum einen aus der Sicht des Gründers prüfen - im Zuge der Selbstkontrolle - oder zum anderen aus Sicht des Kapitalgebers - für die Investmentprüfung.

Als Instrument dient hierfür unter anderem ein so genannter "E-Business-Scanner", der auf der Basis bestimmter Bewertungskriterien eine erste Einschätzung des Unternehmens zulässt.

Wie geht das?

  1. Ausfüllen einer Bewertungsliste mit einer Beschreibung der Reifegrade für die einzelnen Erfolgsfaktoren.


  2. Auswertung der Ergebnisse im Rahmen einer Typenbildung.
Folgende Klassifizierungen ergeben sich daraus:

Die Chaoten

Die Chaoten

Einer häufig sehr cleveren, kreativen Produkt- oder Service-Idee stehen massive Defizite in der praktischen und strategischen Umsetzung in den Bereichen Prozesse, Management und Finanzen gegenüber.

Typische Gründer des Chaotentyps kommen aus dem universitären Forschungsumfeld (zum Beispiel Physik oder Informatik), sind Seiteneinsteiger aus anderen Disziplinen oder haben unkonventionelle Lebensläufe.

Die Ideenentwicklung ist oftmals ein Zufallsprodukt. Niedrig ausgeprägte Reifegrade bei allen Erfolgsfaktoren prägen das Gesamtbild.

Die Theoretiker

Die Theoretiker

Prozesse und Finanzen sind verlässlich aufgesetzt und geplant (= höherer Reifegrad). Einem sorgfältig durchdachten Produktkonzept und Marktzugang stehen allerdings Mängel in der Realisierung gegenüber (= niedrigerer Reifegrad). Dies ist vor allem auf fehlende Branchenkenntnis, fehlende Markt- und fehlende Kundennähe zurückzuführen.

Typische Gründer des Theoretikertyps kommen direkt von hochwertigen Business Schools beziehungsweise wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen oder aus der Unternehmensberatung mit kurzer praktischer Erfahrung.

Es herrscht eine akademische Mentalität, die zum Teil an (all-)täglichen Problemen scheitert. Die Ideenentwicklung erfolgt meist auf dem Papier. In der Tendenz mangelt es an einer Umsetzungskompetenz für die Geschäftskonzepte.

Die Praktiker

Die Praktiker

Der Marktzugang und die Produktgestaltung sind eindeutige Stärken (= höherer Reifegrad). Zudem verfügt das Team über gute Managementerfahrung. Allerdings ist die strategische Ausrichtung (Finanzen und Prozesse) unzureichend (= niedrigerer Reifegrad).

Es herrscht eine weitgehende Ad-hoc- Mentalität, die sich an täglichen Problemen orientiert und Einzellösungen offeriert.

Typische Gründer des Praktikertyps haben langjährige relevante Branchenerfahrung, so dass die Ideenentwicklung oftmals anhand einer Praxisbeobachtung erfolgt. In der Tendenz mangelt es an einer Strategiekompetenz für die Geschäftsentwicklung.

Die Allrounder

Die Allrounder

Alle Erfolgsfaktoren sind verlässlich abgedeckt (= breite Dominanz von höheren Reifegraden). Das Managementteam besteht typischerweise somit nicht nur aus den Gründern, sondern ist gezielt zusammengestellt worden, häufig mit Hilfe der Investoren.

Die Ideenentwicklung kann als Strategieprodukt interpretiert werden, bei dem sowohl kurz- als auch langfristige Aspekte eine Rolle spielen. Eine Umsetzungs- und Strategiekompetenz ist somit vorhanden.

Welcher Gründertyp gewinnt?

Konsequente Typen

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die drei ersten Profile - Chaot, Theoretiker, Praktiker - bestimmte Stärken andeuten. Gleichzeitig bergen sie aber ebenso spezifische Risiken.

Fehlt es den Chaoten an professioneller Umsetzung, so können sie doch mitunter brillante Produkt- oder Serviceideen entwickeln. Da der Transfer einer guten Idee in ein marktfähiges Produkt aber nicht gelingt, verbleibt das Kriterium "Produkt" auf einem niedrigen Niveau.

Mangelt es den Theoretikern an Realisierungs- und Branchenerfahrung, so schaffen sie doch in der Regel eine gute strategische Perspektive und eine ausbaufähige Organisation.

Schaffen die Praktiker einen guten Marktzugang, so fehlt ihnen die planerische Grundlage und strategische Ausrichtung. Entsprechende Maßnahmen sind in den jeweiligen Fällen einzuleiten.

Allrounder gefragt

Einzig die Allrounder schaffen es durch die Kombination unterschiedlicher Kompetenzen jeden Bereich zufrieden stellend abzudecken. Es handelt sich um die wirtschaftlich gesündeste und ausbaufähigste Konstellation eines E-Business-Unternehmens. Dies eröffnet Raum, spezifische Kernkompetenzen des Unternehmens weiter herauszuarbeiten, gezieltes Outsourcing zu betreiben und die nächsten Expansions- und Entwicklungsschritte strategisch zu planen.

In der heutigen Situation sind Venture-Capital-Geber oftmals nur bereit, sich mit solchen Allrounder-Unternehmen über eine Finanzierung zu unterhalten. Unternehmen der anderen Gründertypen müssen dringend die nötigen Schritte einleiten, um ein ausgeglicheneres Profil zu erhalten. Die Balance hinsichtlich der Erfolgsfaktoren auf hohem Niveau ist also entscheidend.

Ist Ihr Unternehmen reif?

Welchen Reifegrad hat Ihr Start-up (Gründersicht) oder das Unternehmen, in das Sie investieren möchten (Investorensicht)? Die entsprechenden Bewertungskriterien zur Ermittlung des Unternehmenstyps sind im Beitrag "Reifeprüfung für das Geschäftsmodell"  im aktuellen "Harvard Businessmanager", Ausgabe 1/2003, nachzulesen.

Dabei ist es vollkommen klar, dass eine höchst individuelle Interpretation der Ergebnisse und Identifikation der zukünftigen Maßnahmen erfolgen muss. Voraussetzung ist der offene und ehrliche Umgang mit den eigenen Stärken und Schwächen durch das Management. Konsequenzen sind im Einzelfall zu prüfen.

Gründermarkt: Kapital und Kontakte für Start-ups


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