Samstag, 23. November 2019

Microsoft Der seltsame Wechsel des Detlef E.

Das EU-Kartellverfahren gegen Microsoft wird um ein haarsträubendes Kapitel reicher. Ein angeblicher Insider des Verfahrens wechselt aus der Behörde zur Gates-Company. Die Konkurrenten wittern Mauschelei.

Brüssel - Der Wechsel eines Mitarbeiters der EU-Kommission zum Softwareriesen Microsoft Börsen-Chart zeigen sorgt in Brüssel für heftige Unruhe. Es geht um Detlef Eckert: IT-Spezialist und langjähriger Angestellter bei der EU. Er nimmt sich eine unbezahlte Auszeit, und wechselt in die Abteilung für Datensicherheit und Internet des Softwarekonzerns.

 Ein neuer Mitarbeiter an Bord: Microsoft
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Ein neuer Mitarbeiter an Bord: Microsoft
Das Problem: Als Chef der IT-Projektabteilung "Information Society" innerhalb der EU-Wettbewerbsbehörde soll Eckert nach Informationen des "Handelsblatts" in das laufende Kartellverfahren gegen Microsoft involviert gewesen sein. Damit nicht genug: Er soll auch Kontakte zu Konkurrenten von Microsoft gehabt haben, die um scharfe Wettbewerbsauflagen gegen Microsoft kämpfen.

Der Pressesprecher EU-Kommission, Per Haugaard, widerspricht der Darstellung in der Zeitung. "Herr Eckert war nicht direkt in das Kartellverfahren involviert", sagte der Pressesprecher gegenüber manager-magazin.de. Zuletzt habe der IT-Experte im Juli vergangenen Jahres Kopien von Microsoft-Dokumenten bezüglich des Verfahrens gesehen.

Wirklich keine vertraulichen Dokumente gesehen?

Zu vertraulichen Dokumenten von Microsoft-Konkurrenten habe Eckert überhaupt keinen Zugang gehabt. Generell sei es so, dass ausscheidende Mitarbeiter der Kommission auf keinen Fall vertrauliche Informationen weitergeben dürfen. Nach seiner "maximal dreijährigen" Auszeit werde Eckert zur EU zurückkehren.

Wettbewerber wie Sun Microsystems argwöhnen trotzdem, dass Informationen, mit denen sie ihre Argumente gegenüber Brüssel belegen wollen, den Weg über Eckert zur Gates-Company finden könnten.

Microsoft hatte Anfang November in einem Kartellverfahren in den USA einen ersten Sieg errungen. In einem unerwartet milden Urteil hatte eine Bundesrichterin eine außergerichtliche Einigung zwischen Microsoft und dem Justizministerium gebilligt.

Der Softwareriese muss den Konkurrenten lediglich die Kopplung ihrer Programme an das Windows-Paket erleichtern. Die neun US-Bundesstaaten, die gegen die Einigung geklagt hatten, wollten ursprünglich durchsetzen, dass das Microsoft-Programmpaket nicht mehr komplett auf Rechnern vorinstalliert wird. Auch die geforderte Veröffentlichung des Programmiercodes blieb auf der Stecke.

Microsoft selbst versucht zu beruhigen. "Er (Eckert) wird nicht mit Vorgängen vertraut werden, die im Zusammenhang mit dem Microsoft-Kartellverfahren stehen", erklärte Haracio Gutierrez, Microsoft-Repräsentant in Europa, dem "Wall Street Journal".

Die Kommission arbeitet indessen an einer Verschärfung ihrer Regeln zur Verhinderung solcher Interessenkonflikte. Ein Entwurf, der das Einhalten der Vertraulichkeitserklärung von Mitarbeitern während ihrer Auszeiten zum Thema hat, soll möglicherweise im kommenden Jahr in Kraft treten.

Einen ähnlichen Interessenkonflikt hatte es beim Wechsel vom ehemaligen EU-Kommissar für Industriepolitik, Martin Bangemann, zum spanischen Telefonkonzern Telefonica gegeben.

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