Rudolf Augstein "Mein Vater, der tote Löwe"

Angehörige, Politiker und Mediengrößen haben Abschied von Rudolf Augstein genommen. Bei der Trauerfeier in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis hielten Johannes Rau und Franziska Augstein bewegende Reden. Mehrere tausend Menschen gedachten des SPIEGEL-Herausgebers.

Hamburg - Zur letzten Ehre für Rudolf Augstein waren sie alle noch einmal gekommen: Bundespräsident, Kanzler, Fraktionschefs, Verleger, Manager, Schriftsteller.

Die erste Garde der Republik strömte am Montag in die große, rote Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, um sich vom letzten der großen Nachkriegsverleger zu verabschieden. Die bewegendsten Worte aber fand Tochter Franziska Augstein, als sie ihrem Vater, dem "toten Löwen", einen letzten Gruß zurief. Augstein war am 7. November mit 79 an einer Lungenentzündung gestorben.

"Er nahm sich selbst nicht so wichtig", berichtete die Tochter, die als Journalistin bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet. Umgekehrt kannte Augstein aber auch wenig Respekt vor Autoritäten, erzählte sie. Einmal etwa habe ihr Vater keine Lust gehabt, sich für ein Treffen mit hohen Bankmanagern ordentlich anzuziehen und sei den Gästen im Morgenmantel entgegengetreten.

Ihr Vater sei Realist gewesen, womit manche Leute nicht hätten umgehen können. Er habe über Tod und Ruhm einmal gesagt "Den toten Löwen ziehen auch die Hasen an der Mähne". Franziska Augstein schloss ihre nicht angekündigte Rede mit dem Satz: "Ich glaube, dass ich das meinem Vater, dem toten Löwen, schuldig bin."

Auffällig bei all dem Aufmarsch an Politprominenz: Die CDU/CSU war sehr dünn vertreten. Der Hamburger Bürgermeister und CDU-Politiker Ole von Beust hielt zwar eine Ansprache, allerdings eher als Bürgermeister. Augstein war Ehrenbürger der Stadt. Weitere hochrangige CDU- oder CSU-Politiker waren nicht auszumachen. Allerdings nahm der frühere Pressesprecher von Bundeskanzler Helmut Kohl teil, Andreas Fritzenkötter.

Die Spitze der Verlagswelt nahm Abschied

Anders als die Union erschien die rot-grüne Bundesregierung mit vielen Vertretern: Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bundeskanzler Gerhard Schröder, Grünen-Fraktionssprecherin Krista Sager, SPD-Generalsekretär Olaf Scholz, Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Für die FDP, der Augstein angehörte, kamen Fraktionschef Wolfgang Gerhardt, Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und der Abgeordnete Rainer Funke.

Fast vollständig war die Verlagswelt erschienen: Friede Springer war da und der Vorstandschef des Verlages, Matthias Döpfner, außerdem die Verleger Heinz Bauer und Hubert Burda, Gruner + Jahr-Chef Bernd Kundrun, die Chefredakteure Helmut Markwort ("Focus"), Hans-Werner Kilz ("Süddeutsche Zeitung") und Josef Joffe ("Zeit"). Aus Medien und Kultur: Der Schriftsteller Siegfried Lenz, Sänger Marius Müller-Westernhagen, Moderatoren Ulrich Wickert ("Tagesthemen"), Johannes B. Kerner (ZDF).

In den Reden lobten Rau, von Beust und andere rundum die Leistungen Augsteins und wiesen darauf hin, dass er sich um Deutschland verdient gemacht habe. Zwischentöne gestattete sich nur der frühere "FAZ"-Herausgeber Joachim Fest, der an die Distanz erinnerte, die Augstein um sich verbreitet habe. Als letzter ging der Theaterregisseur Jürgen Flimm ans Mikrofon. Er beschrieb Augstein in Anlehnung an ein italienisches Wandgemälde als jemanden, der die Dämonen aus der Stadt vertrieben habe, der das Land gereinigt habe "von Gestank und von Übel". "Wir werden seinesgleichen nicht mehr sehen", sagte Flimm.

"Augstein war immer allgegenwärtig"

Vor dem Michel nahmen knapp 200 Trauergäste in einem eigens neben dem "Michel" aufgebauten Zelt Abschied von Rudolf Augstein. Betroffen verfolgten sie die Live-Übertragung auf einer Video-Leinwand. "Augstein hat immer ein gutes Beispiel gegeben" und "er war immer allgegenwärtig", sagte eine der Trauernden, während die Rede des Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust aus der Kirche ins offene Zelt übertragen wurde.

"Ich habe diesen Mann geschätzt, denn er hat die Demokratie verteidigt", sagte einer der Zuhörer. Eigentlich habe er in der Kirche Augstein gedenken wollen, doch an den Sicherheitskräften sei er nicht vorbeigekommen. Stattdessen musste er gemeinsam mit den anderen Besuchern in der Kälte ausharren.