Messiers Memoiren Napoleon und die Dolchstoß-Legende

Fiese Fondsmanager, rachsüchtige Redakteure und eine weltweit agierende Verschwörergruppe: Der geschasste Vivendi-Chef Jean-Marie Messier erzählt in seinen Memoiren wie - nach seiner Meinung - der Medienkonzern ins Schlingern gebracht wurde.

Hamburg - Jean-Marie Messier, Ex-Investmentbanker und Ex-Chef des französischen Unternehmens Vivendi Universal  hat einen ausgesprochenen Sinn für Dramatik. Während andere ihre neuen Bücher einfach nur veröffentlichen, wollte Messier - wieder einmal - die maximale Publicity und Aufmerksamkeit für sich und sein Werk.

Wie eine geheime Kommandosache hatte er das Ganze eingefädelt. Im Geheimen geschrieben, im Verborgenen gedruckt und dann - Fernsehinterviews, Auszüge exklusiv in "L'Express", reihenweise öffentliche Auftritte. Nur machte ihm - wieder einmal - einer seiner angeblichen Feinde einen Strich durch die Rechnung. Die Zeitung "Le Monde" hatte sich irgendwo ein Exemplar besorgt und stahl dem Ex-Medienfürsten die Show.

Der körperlich eher kleine Messier dürfte sich - wieder einmal - in dem bestätigt fühlen, was die Hauptthese seines Buchs ist: Dass der einstige Wasserversorger Vivendi , den er zu einem der bedeutendsten Medienunternehmen der Welt umbaute, hoch verschuldet und marode ist, daran trage er keine Schuld.

Angefressene Journalisten

Vielmehr, so ist in "Mon vrai journal" nachzulesen, hat eine Gruppe sinistrer Fieslinge ihm, dem Wunderkind unter Frankreichs jungen Top-Managern, von Anfang an Knüppel zwischen die Beine geworfen und ihn daran gehindert, das Richtige zu tun: "Eine formidable Kampagne aus anonymen Gerüchten, Destabilisierungsversuchen, Verleumdungen und Lynchjustiz gegen die Manager sollte Vivendi zu einem zweiten Enron oder Worldcom machen."

Da sind zunächst die Journalisten des bereits erwähnten Blatts "Le Monde". Die, so schreibt Messier, waren angefressen, weil er sich geweigert habe, die Zeitschrift "L'Express" an die Monde-Gruppe zu verkaufen - stattdessen ging sie an das Konkurrenzblatt "Le Figaro". Kurz darauf habe das Blatt eine Hetzkampagne gegen ihn begonnen.

Bronfmann soll intrigiert haben

Wenn das nur alles wäre. Aber die Zahl der Missgünstigen, die Messier seine Verdienste um die französische Wirtschaft im Allgemeinen und die Medienindustrie im Speziellen neiden, wächst von Kapitel zu Kapitel. Da ist zum Beispiel Charles Bronfman, ein Vivendi-Großaktionär. Dessen Familie verkaufte das Medienunternehmen Universal einst an Messier.

Bronfmann soll ständig gegen den ungeliebten CEO Messier intrigiert haben. Bronfmans "Consigliere" ist ein Anwalt namens Samuel Minzberg, der Messier das Leben dem Buch zufolge durch ein Bombardement fordernder E-Mails und Anrufe zur Hölle mache. Außerdem habe Minzberg seine Position als Vertreter eines Großaktionärs benutzt, um Einfluss auf den Vorstand auszuüben.

"Deprimiert zu sein, das ist ein Luxus für die Reichen"

Der Schurke in Messiers Epos ist jedoch Axa-Chef Claude Bébéar. Der passionierte Safari-Gänger Bébéar sei "ein Jäger großer Katzen - aber nicht nur in Afrika, wie ich bald feststellen sollte", schreibt er. Von Anfang an sei der von Messier als großer Puppenspieler des französischen Kapitalismus bezeichnete Bébéar gegen seine Pläne gewesen, sich im Mediengeschäft zu engagieren. "Musik, Filme - Karnevalsgeschäfte", habe Bébéar die Akquisitionsstrategie des Vorstandsvorsitzenden abgekanzelt.

Es ist beeindruckend, mit welcher Liebe zum Detail Messier Aussprüche seines Nemesis zusammengetragen hat. Der Mann hätte vermutlich auch Investigativ-Journalist werden können, ist er doch in der Lage, seinem Leser Zitate zu referieren, bei deren Äußerung er selbst nicht anwesend war. So beschreibt Messier etwa, wie Bébéar in der Pariser Oper, während Rossinis "Barbier von Sevilla", in das Ohr von Vivendi-Aufsichtsrat Henri Lachmann flüstert: "Henri, wir müssen Messier loswerden. Du musst handeln."

Dichter und Lenker

Während Messier über seine vermeintlichen Verschwörer kübelweise Vitriol ausgießt, findet er an anderen Stellen des Buches Zeit für zarte Poesie. Umringt, von all den "Wölfen", schreibt der Manager, sei er oft der Verzweiflung nahe gewesen. Kraft hätten ihm jedoch Gedichte, etwa von Rudyard Kipling gegeben, die er seinen Kindern vorgelesen habe. Eine Kostprobe: "If you can make one heap of all your winnings / And lose and start again at your beginnings / You'll be a Man, my son."

Seit Kurzem hat Messier noch mehr Gegner, auf die er aber in seinem Buch bedauerlicherweise noch nicht eingeht. Inzwischen ermitteln die französische Staatsanwaltschaft, die New Yorker Staatsanwaltschaft und die US-Börsenaufsicht SEC wegen des Verdachts auf Bilanzbetrug gegen Vivendi . Frankreichs Börsenaufsicht hat dem Vernehmen nach E-Mails von Messier, in denen dieser von Vivendis Wirtschaftsprüfer mehr bilanziellen Spielraum fordert.

Schulden bezahlen

Ob auch Messiers "Wahres Tagebuch" den Ermittlern neue Erkenntnisse bietet, ist bisher nicht bekannt. Seine Berater sollen "J6M" (kurz für Jean-Marie Messier, Moi Même, Maître Du Monde) vergebens von der Veröffentlichung des Buches abzuhalten versucht haben. Er selbst ist überzeugt: "Die Manager von Vivendi sind immer ehrlich gewesen."

Was macht einer wie Messier nach dem Absturz? Er wisse noch nicht, lässt er die Leser wissen, welchen Aufgaben er sich zuwende. "Aber es ist die Dimension des Erbauers und Unternehmers, die mich am meisten inspiriert." Übergangsweise versucht er sich mit der Ein-Mann-Firma "Messier Partners" als Unternehmensberater, denn er muss nach eigenen Angaben seine Schulden in Höhe von fünf Millionen Euro bezahlen.

Bei dem Start-Up handele es sich um eine kleine Investmentbank. "Ich nehme meinen Hut und Stock, ich gehe und besuche meine Klienten", so Messier. "Ich habe nicht die Zeit, deprimiert zu sein, das ist ein Luxus für die Reichen."