Samstag, 7. Dezember 2019

Microsoft Flucht nach vorn

Mitte November trat Deutschland-Chef Kurt Sibold überraschend von seinem Posten zurück. Nach noch nicht einmal zwei Jahren im Amt gab er seinen Posten aus persönlichen Gründen auf. Was steckte dahinter?

Am 18. November schied Kurt Sibold (53) als Deutschland-Chef von Microsoft Börsen-Chart zeigen aus. Als Grund gibt er an, er habe den Schmerz der Trennung von Frau und Kindern nicht länger ertragen wollen.

Wer die Qual hat, hat die Wahl: Kurt Sibold
Kaum zu glauben, dass dies die ganze Wahrheit ist. Da pendelt der Mann 25 Jahre von seinem Wohnort am Bodensee erst nach Böblingen zu Hewlett-Packard, dann seit Anfang 2000 nach München zu Microsoft. Und plötzlich – die Kinder sind inzwischen 28, 22 und 19 Jahre alt – packt ihn der unwiderstehliche Drang nach Familienleben. Er kündigt ohne neuen Job, ohne Abfindung.

Der Leidensdruck des Diplominformatikers muss in den anderthalb Jahren seit seinem Aufstieg an die Spitze der deutschen Microsoft enorm gewachsen sein. Weniger, weil den Topmanager die elenden Freitagsstaus auf der Autobahn nervten. Auch nicht, weil er öfter mal am Wochenende repräsentieren musste. Vielmehr stimmte die Chemie zwischen dem Techniker und seinem marketinggetriebenen Arbeitgeber von Anfang an nicht.

Dem weitgehend charismafreien Sibold gelang es nicht, sein Team zu begeistern. Stattdessen litt der dünnhäutige Badener unter öffentlich vorgetragenen Verbalattacken gegen den Monopolisten. Er reagierte beleidigt, wusste aber die umstrittene Microsoft-Politik nie effektiv zu verteidigen.

Seine größte Schlappe erlitt Sibold, als sich die Verwaltung des Deutschen Bundestags im Frühjahr anstatt für Microsoft für die Gratis-Software Linux zum Betrieb der Parlaments-Rechner entschied. Kurz nach dem Flop mit der unbeholfenen Lobby-Arbeit signalisierte Sibold seine Abschiedspläne. Europa-Chef Jean-Philippe Courtois hat sich offenbar nicht sehr bemüht, Sibold zu halten.

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