Linde Der Visionär

"Wir schaffen ein virtuelles Unternehmen" - Wolfgang Reitzle, designierter Vorstandschef des Mischkonzerns, gibt die neue Marschrichtung bei Linde vor. Damit stößt er nicht nur auf Gegenliebe.

Wiesbaden - Der künftige Vorstandschef des Mischkonzerns Linde , Wolfgang Reitzle, will nach seinem Amtsantritt zum Jahreswechsel die Wasserstoff-Aktivitäten des Unternehmens bündeln.

"Wir schaffen in diesem Bereich ein virtuelles Unternehmen", sagte Reitzle in Wiesbaden. Linde verfüge zwar bereits über hohe Kompetenz in dieser zukunftsweisenden Technologie, allerdings sei das dafür nötige Wissen auf verschiedene Bereiche im Konzern verteilt. "Und das wird sich ändern", kündigte Reitzle an.

Der frühere BMW- und Ford-Manager wollte nicht ausschließen, dass Linde auf dem Gebiet der Wasserstofftechnologie langfristig ein eigenständiges neues Geschäftsfeld aufbauen könne. "Das ist allerdings alles noch Zukunftsmusik", sagte Reitzle.

Zunächst müssten die bestehenden Geschäftsbereiche des Anlagenbauers und Herstellers von Gabelstaplern, technischen Gasen und Kühlgeräten ihre "Hausaufgaben machen". Dazu gehörten Verlagerungen von Werken in Niedriglohnländer und Entlassungen (siehe: "Linde zieht die Notbremse").

Kein Verkauf der Kühltechnik-Sparte

An den Märkten und in der Öffentlichkeit war bereits mit dem Bekanntwerden der Personalie über die Pläne des zukünftigen Konzernchefs im Bereich Wasserstoff spekuliert worden. Nachdem der scheidende Linde-Chef Gerhard Full kürzlich in einem Interview erklärt hatte, sein Nachfolger werde bei Linde ein neues Geschäftsfeld aufbauen, hatten zahlreiche Beobachter einen teilweisen Wandel des Konzerns zu einem Zulieferer für die Automobilindustrie prognostiziert.

Reitzle war in seiner früheren Tätigkeit im Vorstand des Münchener Automobilherstellers BMW unter anderem für die Entwicklung von Fahrzeugen mit wasserstoffgetriebenen Brennstoffzellen verantwortlich.

Einen von Finanzanalysten in der Vergangenheit wiederholt geforderten Verkauf der Kühltechnik-Sparte schloss Reitzle "jetzt und in naher Zukunft" aus. "Ich bin zuversichtlich, dass auch die Kühltechnik Potenzial hat", sagte Reitzle. Er verwies aber zugleich auf den immensen Kostendruck durch die Kunden. "Die großen Supermärkte und Handelsketten haben selbst unglaublich niedrige Margen, dass spürt natürlich auch ein Lieferant wie Linde."

Die Gerüchteküche brodelt

Die Gerüchteküche brodelt

Während Reitzle anlässlich der Quartalszahlen seine neue Stellung testet und die strategische Marschrichtung vorgibt, wollen Linde-Insider den designierten Chef bereits beschädigt sehen. Nach Informationen des "Handelsblatts" soll Reitzles Chefsessel gar wackeln.

Der angebliche Grund: Linde-Aufsichtsratschef Hans Meinhardt scheint Schwierigkeiten zu haben, die Macht im Hause abzugeben. Kein Wunder, war Meinhardt doch 27 Jahre Top-Manager bei Linde, davon 17 Jahre als Vorstandschef. Nicht nur Reitzle scheint unter dem Patriarchen zu leiden. "Der geschäftsführende Aufsichtsrat ist für alle Vorstände schwierig, nicht nur für Reitzle", beschreibt ein Mitarbeiter die Stimmung im Haus.

Sollte Reitzle an den Launen des Oberaufsehers scheitern, wäre er bereits der zweite Top-Mann, den der Aufsichtsrat verschleißt. Im Mai vergangenen Jahres erlitt der ehemalige VDO-Chef Peter Grafoner Schiffbruch. Tatsächlich aber scheint es sich bei den Gerüchten lediglich um überspitzte Interpretationen hausinterner Auseinandersetzungen zu handeln.

Spekulationen sind "Unfug"

Reitzle selbst verweist Meldungen über angebliche Unstimmigkeiten bezüglich der künftigen Linde-Strategie zwischen ihm und Meinhardt in das Reich der Fantasie. Die Gerüchte seien "Unfug", sagte er der Nachrichtenagentur vwd. Daran sei kein Körnchen Wahrheit, das Verhältnis zwischen ihm und Meinhardt könne harmonischer nicht sein.

So rechnen Mitarbeiter und ein Großteil des Managements fest mit der Inthronisierung des designierten Chefs. Denn Reitzle verbindet eine lange gemeinsame Vergangenheit mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden. Meinhardt saß im BMW-Aufsichtsrat, als Reitzle dort Vize von Vorstandschef Pischetsrieder war.

Meinhardt war es auch, der maßgeblich an der Anwerbung Reitzles für Linde gearbeitet hat. Beide verbindet mehr als nur die Arbeit im gleichen Unternehmen. Sollte Meinhardt Reitzle vergraulen, wäre das im Zweifelsfall ein zwingender Grund für seinen eigenen Abgang.

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