EnBW Goll trollt sich, Claassen soll's richten

Mit neuem Führungspersonal versucht der Energiekonzern aus der Krise zu kommen. Anstelle des glücklosen Vorstandschef Gerhard Groll ist jetzt Utz Claassen berufen worden. Zwei Männer, viele Geschichten.
Von Martin Scheele

Karlsruhe – Gut fünf Jahre ist es her, dass Energie Baden-Württemberg (EnBW) gegründet wurde. Über die turbulente Geschichte des drittgrößten deutschen Energieunternehmen lässt sich seitdem leicht ein dickes Buch verfassen. Besonders viel Stoff ist dieses Jahr zusammengekommen. Allein beim Thema Personal.

Aktueller Höhepunkt: Für den stark in Kritik geratenen Gerhard Goll (60) ist endlich ein Nachfolger gefunden worden - die Suche zog sich über ein knappes halbes Jahr hin. Ab Mai kommenden Jahres soll der 39 Jahre alte Utz Claassen, derzeit Chef bei der Sartorius AG (Göttingen), auf dem EnBW-Vorstandssessel Platz nehmen. Der EnBW-Aufsichtsrat hat sein Plazet gegeben.

Goll wie Claassen haben eins gemeinsam: Über sie ist viel geschrieben worden. Nicht immer positiv. An der Person Goll und seinem Wirken bei EnBW hat sich viel Kritik entzündet. Obwohl der Mann wie ein Tier gearbeitet hat – ein 15-Stunden-Tag ist für ihn selbstverständlich – hat er sich nach Einschätzung von Branchenexperten heftige Schnitzer geleistet.

Was wollte er mit Salamander?

Dem ehemaligen CDU-Politiker wird im Bereich des Stammgeschäfts das schlechte Krisenmanagement beim Störfall im Atomkraftwerk Philippsburg im Herbst 2001 angekreidet. Kritiker werfen dem Schwaben zudem vor, die Beteiligung an den Stadtwerken Düsseldorf viel zu teuer eingekauft zu haben. Rund 430 Millionen Euro zahlte EnBW für den Nahversorger, um in Nordrhein-Westfalen, dem Stammland des Erzrivalen RWE, Fuß zu fassen.

Ein noch größeres Desaster stellt Golls Beteiligungspolitik außerhalb des Stromgeschäfts dar. So stieg der Energieversorger beim Schuh- und Dienstleistungskonzern Salamander ein und übernahm die Mehrheit am Stuttgarter Telekom-Unternehmen Tesion. Beide Engagements belasten die Bilanz der EnBW.

Im April dieses Jahres musste Goll eingestehen, was von vornherein klar war: "Mit unseren Töchtern Tesion und Salamander haben wir keine Kundensynergie erreicht." Ärgerlich auch der rekordverdächtige Personalaustausch in den Vorstandsämtern. Allein in den vergangenen acht Monaten sind vier von sechs Posten in der Chefetage neu besetzt worden.

Claassens Bilderbuchkarriere

Utz Claassens - eigentlich eine Bilderbuchkarriere

Und Utz Claassen? Eigentlich hat er bislang eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Oxford, McKinsey, Ford, VW, Seat-Vorstand hießen die Stationen. Und natürlich die Satorius AG, der er seit 1997 vorstand. Das damals bei minimalem Gewinn stagnierende Unternehmen der "Wäge- und Separationstechnik" forstete Claassen gründlich auf. Eine seine ersten Amtshandlungen: Er warf er die alte Führungsriege raus.

Inzwischen spricht man bei Sartorius lieber von "Mechatronik und Biotechnologie". Umsatz und Gewinn sind stark gestiegen. Ein halbes Dutzend Unternehmen wurde gekauft, die Produktpalette erweitert. Bis vor einem Jahr war die Bilanz makellos.

Kehrseiten des ehrgeizigen Wachstums

Doch dann zeigten sich die Kehrseiten des ehrgeizigen Wachstums. Die Produktion wurde mit der Auftragsflut nicht fertig, die Ausschussquote stieg, hohe Investitionen belasteten die Bilanz, Zukäufe mussten saniert werden. Seit Anfang des Jahres greift der Sanierungsplan und das Unternehmen kommt langsam wieder in die Gänge.

Nicht zu vergessen ist Claassen Station als Präsident beim im Jahre 1997 krisengeschüttelten Fußballclub Hannover 96. Länger als zwei Monate war er allerdings nicht im Amt. Mit seiner Managerart der schonungslose Analyse und harte Sanierung kam er nicht an. Seine Kritiker arbeiteten mit schlimmen Mitteln: Er erhielt mehrfach Morddrohungen.

So unerträglich dürfte es bei EnBW wohl kaum für ihn werden - ob seine harte Managerart aber ankommt, ist nicht sicher.

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