Die Malik-Kolumne Perpetuierung falscher Corporate Governance

Der Shareholder-Value-Approach ist nicht nur falsch verstanden worden; er ist falsch. Es wird Zeit, Vernunft und wirtschaftlichen Sachverstand an die Stelle eines Bewertungskindergartens zu stellen.
Von Fredmund Malik

Falsche Theorien werden durch beeindruckend präsentierte Untersuchungen nicht richtiger. So lange die mit inquisitorischem Dogmatismus vertretene Mode durch steigende Börsen scheinbar gerechtfertigt wurde, konnte man es noch verstehen, dass man ihr anhängt. Das ist aber vorbei. Es wird Zeit, Verstand, Vernunft und wirtschaftlichen Sachverstand an die Stelle eines Bewertungskindergartens zu stellen.

Das auf dieser Website schon letztes Jahr zu findende Rating über die Qualität von Aufsichtsräten der Euro-Stoxx-50-Unternehmen findet eine aktuelle Fortsetzung in 2002, obwohl inzwischen klar sein müsste, dass die in den neunziger Jahren zur Mode gewordene, am Shareholder Value orientierte Corporate-Governance-Theorie desaströs falsch ist (Anm. der Redaktion: Die Kritik bezieht sich auf das Corporate-Governance-Ranking der Investmentgesellschaft DWS und des Beraterhauses Deminor, über das manager-magazin.de berichtet).

Diese Theorie ist ursächlich für das Desaster an den Börsen und den desolaten Zustand vieler Unternehmen, darunter besonders jenen des Telekom- und des Finanzbereiches, den Banken und Versicherungen. Sie ist ursächlich für die mentale Korruption in der Finanzszene und für die dort entstandene inzwischen gerichtsanhängige kriminelle Energie. Und sie ist außerdem ursächlich für die Vernichtung von rund 15 (europäischen) Billionen Dollar Anlegerkapital an praktisch allen Märkten, davon allein sieben Billionen in den USA.

Die AGs sind schwach, die Aktionäre arm geworden

Keine einzige der Versprechungen der so verstandenen Corporate-Governance-Theorie wurde eingelöst. Die Unternehmen sollten durch sie stark - und die Aktionäre reich werden. Das Gegenteil ist eingetreten: In Wahrheit wurden die Unternehmen schwach und sind teilweise bankrott gegangen und die Aktionäre sind arm geworden.

Der Shareholder-Value-Approach ist nicht nur, wie viele seiner Vertreter jetzt eilfertig meinen, falsch verstanden worden, er ist falsch. Etwas noch Falscheres - und Destruktiveres - ist für die Führung von Unternehmen selten propagiert worden. Gerade die Aktionäre sollten im eigenen Interesse rasch dafür sorgen, dass er in das Horrorkabinett der geschichtlichen Irrtümer gestellt wird, wenn sie wollen, dass wenigstens ein Rest ihrer Investments erhalten bleibt.

Innovations- und investitionsfeindlich

Innovations- und investitionsfeindlich

Der Grund für die Destruktionskraft dieser Theorie liegt darin, dass sie das Unternehmen und seinen Zweck ausschließlich aus der finanzwirtschaftlichen Perspektive sowie der Interessenlage der Börse, von Analysten, von Fondsmanagern und jenes Börsenpublikums versteht, das gar kein Interesse an Unternehmen, sondern nur an Papieren hat.

Diese Art der Coporate Governance brilliert durch Ahnungslosigkeit in Unternehmensführung, war aber eine Zeit lang stark genug, selbst die besten Manager auf Irrwege zu zwingen. Sie ist innovations- und investitionsfeindlich; sie ist geldgetrieben statt gewinnorientiert.

Die wichtigen Parameter werden ignoriert

Die hier zu findende Studie ist ein typisches Beispiel für diese Einseitigkeit. Verwendet werden die Kriterien Aktionärsrechte, Qualität des Aufsichtsrates, Übernahmebarrieren, Transparenz und Bekenntnis zum Shareholder-Value (Anm. der Redaktion: Die Kritik bezieht sich auf das Corporate-Governance-Ranking der Investmentgesellschaft DWS und des Beraterhauses Deminor, über das manager-magazin.de berichtet).

Mit Ausnahme des Kriteriums "Qualität des Aufsichtsrates" haben diese Bewertungskriterien so gut wie überhaupt nichts mit den wirklich wichtigen Dingen zu tun, nämlich mit der Leistungskraft und Konkurrenzfähigkeit der untersuchten Unternehmen.

Dieser Art von Corporate-Governance-Verständnis kommt offensichtlich in ihrer eindimensionalen Blindheit der eigentliche Gegenstand ihrer "Untersuchung" abhanden: Alles wird bewertet, nur das Unternehmen selbst nicht.

Bad Boy America, das schlechte Vorbild

Bad Boy America, das schlechte Vorbild

Im vergangenen Jahr wurden, so war der Beschreibung zu entnehmen, diese Firmen von 200 Fondsmanagern und Analysten bewertet. Sie kamen zu einem für die europäischen Unternehmen vernichtenden Urteil - wie immer im Vergleich zu den amerikanischen Verhältnissen, die man unkritisch, ungeprüft und mit bemerkenswerter Einfalt als Maßstab verwendet.

Dass sich unter den derart bewerteten Unternehmen solche befinden, die ihrer amerikanischen Konkurrenz deutlich überlegen sind, ist den selbst ernannten Bewertungsexperten nicht aufgefallen. Auch nicht, dass Corporate America im desolatesten Zustand seiner Geschichte ist, die Zahlen falsch und teilweise gefälscht sind und die größten Board-Skandale nicht in erster Linie in Europa, sondern vor allem in USA zu verzeichnen sind (siehe: "Amerikas Zahlen sind seit langem falsch"). Nicht Europa musste schwören, keine Bilanzen gefälscht zu haben.

Das Versagen der Finanzanalysten und Fondsmanager

Der Wert solcher "Studien" liegt auf der Hand. Man kann Firmen nur gratulieren, die es ablehnen, sich solchen Bewertungsritualen zu stellen. Ich würde ihre Corporate Governance sehr hoch bewerten, weil sie offenbar klaren Sachverstand und die Zivilcourage haben, sich dem Diktat der Finanz- und Beratungsszene nicht zu beugen. Auch dürften dort die obersten Organe ihre Zeit für Wichtigeres einsetzen, als Fragebogen auszufüllen.

Wie kommt man eigentlich überhaupt auf die Idee, dass Finanzanalysten, Fondsmanager und Investmentbanker in der Lage seien, Unternehmen beurteilen zu können? Diese Zunft hat in den letzten Jahren - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eigentlich nur eines gezeigt: wie durch Ignoranz und Arroganz eine Orgie von Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen entstehen konnte. Von Wirtschaftssachverstand im eigentlichen Sinne ist wenig zu erkennen.

Customer statt Shareholder Value

Customer Value statt Shareholder Value

Auch die diesjährigen Ergebnisse sind schlicht irrelevant, weil der Grundansatz falsch ist. Die Begründungen dafür sind ausführlich in meinem Buch zum Thema zu finden ("Die Neue Corporate Governance", FAZ Verlag, 3. Auflage 2002) und folgen hier in Kürze. Ob sich die aufgestiegenen Aufsichtsräte freuen und die abgestiegenen ärgern sollen, bleibt ihnen überlassen. Die Bewertung gibt weder für das eine noch das andere Grund, denn sie werden selbst wissen, dass man mit den methodischen Instrumenten dieser "Untersuchung", nämlich aus Geschäftsberichten und mit Fragebogen, nichts darüber erfahren kann, was an der Aufsichtsratsarbeit wirklich wichtig ist.

Bezeichnend ist denn auch, dass jeder Hinweis zum Beispiel auf das Naheliegendste, - wenn auch keineswegs Wichtigste - nämlich die langfristige Aktienkursentwicklung fehlt. Ganz zu schweigen davon, dass es Hinweise auf den Zusammenhang zwischen dem Ranking und den wirklich wesentlichen Dingen gibt: der Marktstellung eines Unternehmens, seiner Innovationsleistung, seiner Produktivität, der Attraktivität für gute Leute und seiner wirklichen (nicht der pro-forma) Ertragskraft.

Konkurrenzfähigkeit muss die Maxime werden

Corporate Governance darf nicht am Interesse von Interessengruppen orientiert werden, auch nicht am Interesse der Aktionäre. Sie muss auf das Interesse des Unternehmens selbst gerichtet sein. Die entscheidende Frage muss lauten: Wie ist ein Unternehmen zu führen, damit es leistungsfähig wird und bleibt. Die Logik muss beim Kunden beginnen und bei diesem enden.

Ein Unternehmen, das Kunden hat, hat immer auch Aktionäre; der Umkehrschluss gilt hingegen nicht, wie täglich zu sehen ist (siehe: "Unternehmer oder Investor?"). Der Zweck eines Unternehmens ist nicht, Börsenwertsteigerung zu betreiben und Aktionäre zufrieden zu stellen, sondern für seine Kunden täglich bessere Leistungen zu erbringen als die Konkurrenz es zu tun vermag.

Customer Value und nicht Shareholder Value - Konkurrenzfähigkeit und nicht Wertsteigerung müssen die Maximen sein (siehe: "Wofür Wertsteigerung?"). Darauf ist die Arbeit des Aufsichtsrates zu richten und daran ist sie zu messen. Als Folge dessen - nicht als Ursache - werden auch die Interessen der Aktionäre befriedigt, weit besser als es jeder Shareholder-Value-Approach vermag.

Porsche und BMW sind Beispiele. Noch besser sieht man es bei Firmen, die das Urteil von Analysten und Beratern gar nicht nötig haben und daher das tun können, was für das Unternehmen richtig ist: Otto Versand Hamburg, Boehringer Ingelheim, Aldi und Bertelsmann, um nur wenige zu nennen.

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