Gruner + Jahr Der Rosie-Krieg

Das deutsche Verlagshaus hat in Amerika ein handfestes Problem: Rosie O'Donnell. Die ehemalige Vorzeige-Moderatorin wandelte sich in kürzester Zeit von der Sauberfrau zur bekennenden Hardcore-Lesbe. Jetzt streiten sich die ehemaligen Partner vor Gericht – es geht um 300 Millionen Dollar.
Von Karsten Schmidt

New York – Im Mai vergangenen Jahres hing der Himmel für die amerikanische Gruner + Jahr–Tochter noch voller Geigen. Mit einer Auflage von 3,5 Millionen Exemplaren startete der Verlag das Magazin "Rosie", um der Talkshow-Queen Ophrah Winfrey und ihrer äußerst erfolgreichen Hochglanzpostille "O" das Wasser abzugraben.

An der Spitze der Gruner + Jahr Medienphalanx und somit im Zentrum der Kampagne stand Rosie O'Donnell, hochdekorierte Fernsehmoderatorin mit täglicher Fernsehshow für die ganze Familie und über eine Pari-Beteiligung auch finanziell am Projekt gebunden.

Rosie O'Donnell war zu diesem Zeitpunkt die fleischgewordene Reinkarnation der arrivierten Hausfrau. Sie hatte Geschmack, konnte kochen, sah gut aus, war geistreich und obendrein ungebunden - mithin ein imaginärer Vorteil für das männliche Publikum. Es machte den Eindruck, als wäre die Kooperation Gruner/O'Donnell der Beginn einer langen Freundschaft.

Nun kommt aber erstens alles anders und zweitens als man denkt. Am 18. September diesen Jahres verkündete Rosie O'Donnell, sie wolle ihr Printmagazin zum Dezember dieses Jahres einstellen. Als Grund nannte sie Differenzen mit dem Verlag. Schon im Mai hatte sie ihre tägliche Talkshow eigenmächtig abgesetzt. Wie erklärt sich dieser plötzliche Sinneswandel?

"Lärmend und trinkend" in der Öffentlickeit

Tatsache ist: Rosie O'Donnell vollzog während der vergagenen sechs Monate einen Imagewandel um 180 Grad. Die Probleme begannen, als sich die Star-Moderatorin vor einigen Monaten als Lesbe outete – ein Eingeständnis, das das amerikanische TV-Publikum wenig goutierte. Dann schnitt sie sich die Haare raspelkurz und tourte mit einer anarchistischen Comedy-Show durchs Land.

Der Selbsterfahrungstrip kulminierte in schlecht kaschierten Alkoholexzessen. O'Donnell habe sich "lärmend und trinkend" in der Öffentlickeit gezeigt, vermeldete "USA Today" empört – ein Tabubruch, der im puritanischen Amerika unverzeihlich ist.

Von der "Queen of Nice" zur "Über Bitch"

Die "Queen of Nice" ("Königin der Nettigkeit") war zu einer selbst proklamierten "Bitch" ("Miststück") geworden - Zeit für Gruner + Jahr, dem ehemaligen Star Einhalt zu gebieten.

Daniel Brewster, angetreten, um die amerikanische Tochter auf den Zenit der Medienlandschaft zu katapultieren, bestellte den Magazinprofi Susan Toepfer zur Chefredakteurin und setzte sie Rosie O'Donnell vor die Nase. Allein – vergeblich war alle Liebesmüh. Der Ruf war ruiniert, Anzeigenaufkommen und die Auflage sanken rapide und auch die Verbannung der ehemaligen Vorzeigefrau vom Titelbild half nichts.

Schlimmer noch – Rosie O'Donnell fuhr dem Verlag gehörig in die Parade. In einem Interview mit dem Yellowpress-Magazin "People" plauderte das Enfant Terrible freigiebig Redaktionsinterna aus. Vor versammelter Mannschaft hätte Verlagschef Brewster gedroht, ihren Ruf zu ruinieren, falls sie aussteige, so O'Donnell. Zum Beweis ihrer Lauterkeit wolle sie den E-Mail-Verkehr mit dem Verlag veröffentlichen, falls das opportun werden sollte.

Unüberbrückbare Differenzen

Diese Drohung brachte die langmütigen Verlagsherren endgültig in Rage. Gruner + Jahr USA sei "Opfer der Vergangenheitsbewältigung" des amerikanischen Fernsehstars geworden, erklärte eine Sprecherin im September. Durch ihre negativen Äußerungen und ihr Verhalten habe sie ihre vertraglichen Pflichten verletzt und den Untergang der Zeitschrift bewirkt. Der Verlag verklagte sein ehemaliges Zugpferd auf Zahlung einer Entschädigung von bis zu 300 Millionen Dollar.

O'Donnell kontert mit einer Gegenklage. Dem Fachjournal "Variety" zufolge wirft die Entertainerin Gruner + Jahr Vertragsbruch vor. Der Verlag habe nicht mehr hinter ihren Visionen und Ideen gestanden, so O'Donnell. Das ehemalige Traumpaar ist sich spinnefeind - der Rosie-Krieg hat begonnen.