Gründer-Kolumne "Wir brauchen keine Unterlasser"

Die Freude am Niedergang der New Economy ist groß. Voyeure der gescheiterten Jungunternehmen finden mit Dotcomtod.de eine eigene Internetseite für schlechte Nachrichten aus der Neuen Wirtschaft. Was ist dran am Anti-Hype?

"Wir unterbrechen unser Programm für eine wichtige Mitteilung: Totalsperrung der A9 Richtung München wegen eines schweren Unfalls. In Gegenrichtung 15 Kilometer Stau wegen Schaulustigen." Bekannte Muster, die sich durch alle Bereiche des täglichen und nicht alltäglichen Lebens ziehen. Die Schaulustigen der New Economy treffen sich bei www.dotcomtod.de .

Neugier, eine gute Portion Schadenfreude und in dem einen oder anderen Fall auch Gehässigkeit sind im Spiel. So spricht die populäre Seite Dotcomtod.de die ureigenen Instinkte an und handelt pragmatisch für die angeschlagene New Economy nach dem alten Medienprinzip: "Only bad news is good news!"

Doch wird das dumpfe Draufschlagen dem Versuch der Gescheiterten, ein Unternehmen aufzubauen, gerecht? Und ist diese Art und Weise der Berichterstattung nicht wieder einmal ein typisch deutsches Phänomen?

Ein Start-up zum Scheitern ...

Zunächst einmal ist auch Dotcomtod.de ein Start-up der New Economy. Man betreibt eine Community für den freien Informationsaustausch zum Scheitern von Unternehmen im E-Business. Zwar wird behauptet, dass man diese Community nicht Business-orientiert betreibt (laut Betreiber geht das im Internet auch gar nicht!), für einen T-Shirt- und Mützen-Verkauf reicht es aber dennoch.

So stellt sich der Community-Gründer Lanu, versteckt als Avatar - also einfach gesagt als eine virtuelle Figur -, vor. Die Abgrenzung zu den realen Gründerkollegen in der New Economy erfolgt aber auf der Stelle: "Hier findet sich die Wahrheit, wir sind die Guten!" Es fallen kernige Schlagwörter wie Schlachtfeld, Verwundete, Sterbende oder Mörder: "Wir sind nicht Anti-Dotcom, wir sind Anti-Hype."

Trotzdem finden die Leserinnen und Leser auf Dotcomtod.de nur Kritik und keine konstruktiven Anleitungen, wie man es denn besser machen könnte. Diesen Befunde veranschaulichen die folgenden Beispiele:

  • Pixelpark: Verlassen die Nager das sinkende Schiff? (25.09.2002)
  • Think4You: Kein Lebenszeichen mehr? (24.09.2002)
  • Eine Pleite nach der anderen: Diesmal Teleshop-Lenz (24.09.2002)
  • Pandasoft Mail gibt's nicht mehr (23.09.2002)
Dotcomtod.de selbst sitzt in der Burg und kann dem Sodom und Gomorra nur fassungslos zusehen. Apropos Wahrheit: Es sei natürlich auf den Haftungsausschluss hingewiesen. Soviel zu derartigen und ähnlichen "Aufreißern".

Wo bleibt das "Dotcomlebt"?

"Nur wer sich bewegt, kann etwas bewegen"

Nicht erst seit der Erfindung des grässlichen Worts "Technologiefolgenabschätzung" werden hier zu Lande Probleme diskutiert und die Wunden fallender Börsenkurse geleckt. Wie bei der Interneteuphorie sind wir auch bei der derzeitigen Ernüchterung mal wieder besonders gründlich. Ja, wir zweifeln wahrscheinlich sogar lieber und in größeren Dimensionen als andere unserer Internetnachbarn, um nicht noch weiter über den Tellerrand zu blicken.

Während es gerade im anglo-amerikanischen Bereich keine Schande ist, ein Start-up in den Sand gesetzt zu haben, scheint man bei uns hierdurch negativ gebrandmarkt zu sein. "Nur wer sich bewegt, kann etwas bewegen", dieser Spruch scheint in Deutschland nur im positiven Fall zu gelten. So kennt man die Herren Würth, Bosch, Porsche und Otto sehr gut (zu Recht!), die inzwischen auf der Strecke gebliebenen Gründer von Konkurrenzunternehmen nicht (zu Unrecht!).

Manchem notorischen Zweifler scheint es denn gerade jetzt auch ein Vergnügen zu sein, im Nachhinein den Zeigefinger zu heben, um ihn dann publikumswirksam in die Wunde zu legen. Eine kleine Analyse scheint den Verdacht zu bestätigen: Das Stichwort "Dotcomtod" liefert auf Anhieb ungefähr 4300 Links. Fehlanzeige hingegen für "Dotcomlebt".

Wo bleibt das "Dotcomlebt"?

Jedoch wird vergessen, dass die Argumentationen gegen die New Economy oftmals nur auf steigende oder fallende Aktienkurse aufgebaut sind – selten werden stichhaltige Beweise für das wirkliche Scheitern des E-Business angeführt. Die Rezession trifft schließlich alle Branchen. Über 50 Prozent der Meldungen bei Dotcomtod.de sind denn auch nicht auf das Konzept, sondern beispielsweise auch auf die mangelhafte Umsetzung zurückzuführen.

Sicherlich, die Zeit nach dem Hype fordert ihre Opfer. Das E-Business konnte die hochgesteckten Erwartungen bislang nicht erfüllen. Es war aber auch falsch, das gesamte Schicksal des Standortes Deutschland an ein so zartes Pflänzchen zu binden. Aber im nächsten Wirtschaftsfrühling werden sich viele Seitentriebe bilden und solides Wachstum wird einen Baum hervorbringen.

Lasst euch nicht abschrecken

Und Gewinner gibt es doch

Bereits jetzt kann man auch die optimistischen Stimmen wiederfinden. Eine Reihe aktueller Publikationen beschäftigt sich unter anderem mit erfolgreichen Dotcoms. Immerhin arbeiten nach einer Studie von PricewaterhouseCoopers zu 400 europäischen Dotcoms bereits 66 Prozent der darin betrachteten Unternehmen in der Gewinnzone. Aktuell haben die Autoren Albers/Panten/Schäfers in ihrem Buch "Die E-Commerce-Gewinner" zehn deutsche Unternehmen vorgestellt, die profitabel in der New Economy arbeiten.

Der kalifornische Risikokapital-Vordenker Joe Schoendorf sieht denn auch gerade jetzt den besten Zeitpunkt für Firmengründungen und neue Geschäftsideen. Beispiele wie Hewlett Packard und Cisco (gegründet 1939 beziehungsweise 1984 in den Weltwirtschaftskrisen) belegen, "dass die besten Geschäftsideen und Firmen entstehen, wenn der Markt am Boden liegt". Dabei dürfen die aktuellen Insolvenzzahlen und der Einbruch der Marktkapitalisierung nicht über das langfristige Potenzial des E-Business-Sektors hinwegtäuschen.

Lasst euch nicht abschrecken

Auch im schnelllebigen Internet, in dem ein Zeitjahr sechs Internetjahren entsprechen soll, ist der Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens ein langfristiges Unterfangen; so zeigt sich der unternehmerische Erfolg vielleicht erst nach Jahren.

Den Unternehmen, welche die Konsolidierungsphase überleben, stehen gute Wachstumsperspektiven bevor. Potenzial für Neugründungen ist weiterhin ausreichend gegeben und Pessimismus unangebracht. Das Gründen von Unternehmen in der New Economy ist trotz aller aktuellen Turbulenzen von zentraler Bedeutung für den Standort Deutschland.

Da unsere Wirtschaft schon immer von Unternehmern geprägt wurde, darf sich dies auch in der New Economy nicht ändern. Daher der abschließende Aufruf: Wir brauchen wieder Unternehmer und keine Unterlasser! Lasst euch von Dotcomtod.de nicht abschrecken.

Gründermarkt: Kapital und Kontakte für Start-ups


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