Philip Anschutz "The Mystery Mogul"

Der amerikanische Geschäftsmann Philip Anschutz hat innerhalb weniger Jahre über die Hälfte seines Vermögens verloren. Wirklich Mitleid haben muss man aber nicht. Der Manager hat immer noch mehrere Milliarden Dollar auf seinem Konto.
Von Helmut Sorge

Aristoteles Onassis, der griechische Reeder, Gott sei seiner Seele gnädig, hat es beizeiten erkannt: "Dem Geld darf man nicht nachlaufen. Man muss ihm entgegengehen."

Er hatte gut reden, dieser griechische Schiffer, dessen Tanker ihm die Millionen einfuhren, dem die Aktienmärkte zu seiner Zeit Hoffnung zumindest auf Morgen signalisierten. Wie anders ist das heute, wie grausam die Nächte für jene, die mit den Aktienkursen die Konturen ihrer Zukunft zeichneten.

Philip Anschutz, 62, äußert keine öffentliche Klage über die Märkte, kein Wort des Selbstmitleids zu seinen Verlusten. Und das, obwohl er in den letzten drei Jahren mehr Geld verloren hat, als das Bruttosozialprodukt so mancher afrikanischer Staaten ausmacht: 1999 noch wurde sein Vermögen auf 16,5 Milliarden Dollar beziffert, heute wird es auf fünf Milliarden geschätzt.

Politisch im Gleichschritt mit Bush

Anschutz schweigt. Seit Jahrzehnten. Kein Interview. Kein vertrauliches Gespräch mit "Wall Street Journal"-Redakteuren, kein Klatsch im "People"-Magazin. Über Jahre recherchieren die Gazetten ihm nach, am Ende freilich fragen sie, so wie das "Los Angeles Magazin": "Who is he?", "Wer ist diese geheimnisvolle, enigmatische Person?"

Der Entrepreneur, Aufsichtsratsvorsitzende etwa des Telekommunikations-Giganten "Qwest", bleibt der "Mystery Mogul", wie das Hollywood-Fachblatt "Variety" notierte. Ein Mann, der die meisten Kino-Vorführräume Amerikas besitzt (etwa 6000), der es sich - trotz der Börsenverluste - noch immer leisten kann, mit seiner eigenen Eisenbahnlinie ("The Ski Train") aus der Heimatstadt Denver ins Wintersportgebiet "Winter Garden" zu reisen, der in Fußball-Clubs und Eishockey-Vereine (etwa den Münchner Barons) investiert, Stadien baut und neuerdings, last but not least, Hollywood-Filme produziert.

Nebenbei finanziert der gläubige Christ eine Organisation, die sich mit der Moral in den Medien auseinander setzt. Welch Wunder: Anschutz ist politisch im Gleichschritt mit dem US-Präsidenten George Bush. Selbst einen Senatskandidaten hat er im Wahlkampf unterstützt, der dafür plädierte, Kriminelle öffentlich auf den Straßen aufzuhängen.

Anschutz hat seine Filmproduktion "Crusader" benannt, die Kreuzfahrer, die als einer der ersten Hollywood-Produktionen dann auch gleich ein religiös verklärtes Werk umsetzten: Ein Zimmermann erscheint in einem Örtchen im Süden der USA und vollbringt wahre Wunder - Blinde können plötzlich wieder sehen, Tote stehen auf. So manche Bürger glauben in "Joshua" (so der Titel des Films) den Sohn Gottes wiederzuerkennen; Jesus Christus und die zweite - amerikanische - Auferstehung.

Moralisch und familienorientiert, so hat Anschutz vorgegeben, sollen seine Filme sein: die Lebensgeschichte des blinden Sängers Ray Charles, eine verfilmte Buchgeschichte Truman Capotes, "Children On Their Birthday". Und auch ein europäisches Märchen - ein dänischer Prinz wird als Kind zum Sklaven gemacht, er befreit sich, kehrt zurück und Rache ist sicher.

Eintrittskarte in die Sportwelt

Etwa ein halbes Dutzend Anschutz-Filme sind an Drehorten wie Prag oder Australien in Produktion. Der Finanzier bleibt diskret, bescheiden. Gelegentlich Golf auf seinem eigenen Gelände bei Denver, zuweilen ein Ski-Ausflug, ein Tennismatch. Sonntags Besuch des Gottesdienstes mit seiner Frau, die er als Jugendlicher kennen lernte und vor mehr als 30 Jahren heiratete.

Er ist früh zum Milliardär geworden durch Deals in Öl, Gas, vor allem auch mit Eisenbahnen. 1988 erwirbt Anschutz mit einem Partner die "South Pacific Rail Corporation" für 1,8 Milliarden Dollar, acht Jahre später verkauft er das Unternehmen, inzwischen mit der "Union Pacific" fusioniert, für 5,4 Milliarden. In dem Deal freilich sichert er sich das Recht, an den Schienen entlang Fiber-Optic-Leitungen zu legen, Adern des Cyber-Space, und auch Pipelines, mit denen er sein Öl kostengünstig transportieren kann. 1997 verkauft Anschutz Qwest-Anteile im Wert von 2,5 Milliarden Dollar - sein Eintrittsgeld in die Entertainment- und Sportwelt.

"Der diskrete Milliardär", urteilte das Massenblatt "USA Today", "ist einer der einflussreichsten und diversifiziertesten Entrepreneurs im Sport-Geschäft". Ohne die Anschutz-Millionen, soviel ist sicher, hätte das US-Team bei der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea nie das Viertelfinale erreicht. Denn: Fünf der zehn amerikanischen Fußball-Profiteams, etwa die Chicago Fire, D.C. United, New York Metro Stars oder Colorado Rapids, existieren allein vom Anschutz-Geld und dem Management-Know-How seines Unternehmens. Zwei Teams, die Kansas City Wizzards und Columbus Crew, werden von einem Sohn des texanischen Multi-Millionärs Lamar Hunt betrieben, die New England Revolution von Jonathan Kraft, dessen Vater Robert Eigner des Football Teams New England Patriots ist.

Nur die Kasse zählt

Anschutz, Kraft, Hunt, diese drei Männer entscheiden letztlich mit ihrem Geld und Engagement über die Zukunft des US-Fußballs. Anschutz baut jetzt etwa, für rund 120 Millionen Dollar, ein Fußballstadion unweit von L.A., in dem sein Galaxy-Team spielen und das US-Nationalteam trainieren soll. Was aber wenn Anschutz kein Geld mehr für die Spieler hat? Das wäre wohl das Ende des amerikanischen Traums, eine Fußball-Großmacht zu werden. Anschutz besitzt weder ein Football- noch ein Baseball-Team (obwohl er vor einiger Zeit in L.A. ein Football-Stadion bauen wollte), gleichwohl ist er Symbol für die Eigenheiten des amerikanischen Profi-Sports.

Stellen wir uns vor: Der HSV kann, selbst wenn er die Saison mit lediglich 22 Punkten beendet, nicht absteigen. Auf ewig oben. Und St. Pauli wird, wegen des Fan-Schwunds von den Konkurrenz-Vereinen aus der Liga verstoßen, per Abstimmung. Die Moral der Geschichte: Nicht der sportliche Erfolg, sondern die Kasse zählt.

Oder aber: Die Fans von Hertha Berlin boykottieren ihren Club Saison um Saison, weil das Team keinen attraktiven Fußball spielt. Der Besitzer, Bertelsmann, verkauft den Verein, und die Konkurrenten denken gemeinsam darüber nach, wo Hertha Zuschauer ziehen könnte - in Kiel vielleicht? Sollte den HSV der Umzug von Hertha um Zuschauer bringen, weil Kiel so nahe an Hamburg liegt, zahlen die Eigner aus der Verbandskasse Entschädigung. So sieht in den USA die Wirklichkeit aus.

Er weiß, er wird gewinnen

Im November letzten Jahres entschieden die Eigner der Baseball-Clubs, darunter Unternehmen wie "News Corp." (Fox), und Disney, die Montreal Expos und Minnesota Twins gegen Entschädigung zu eliminieren wegen der miesen Einnahmen.

Der drohende Streik der Baseball-Profis wurde auch verhindert, weil die Besitzer schließlich bereit waren, den Twins und Expos bis 2006 Aufschub zu gewähren. Die Spieler-Gewerkschaft hatte darauf bestanden: Die Arbeitsplätze für 35 Kollegen sollten gesichert werden.

Tatsache ist: Die Expos sind längst für 120 Millionen an die Liga verkauft. Und die wartet nun auf Kaufangebote. Die Expos, so viel scheint sicher, werden umziehen. Womöglich nach Washington, in die Hauptstadt, die 1971 ihre Senators verlor, die damals nach Texas übersiedelten und dort als Rangers spielen. Ihr Besitzer: Tom Hicks, ein Investment-Broker, der in den letzten Jahren Deals im Gesamtwert von 32 Milliarden Dollar abschloss.

Eine Welt, die Anschutz vertraut ist. Er hat vor Jahren in Los Angeles für 400 Millionen Dollar das "Staples Center" gebaut, an dem ihm 50 Prozent der Anteile gehören, rund 250 Millionen Dollar. Und obendrein 27,3 Prozent der Lakers, die im Staples Center spielen. Seine Lakers-Anteile sind 75 Millionen wert. Zu 90 Prozent gehören ihm die Kings, das örtliche Eishockey Team. In Prag hat er in einen Eishockeyclub investiert, Sparta, wie auch bei den Barons in München oder den Eisbären in Berlin.

Gelegentlich steht der Milliardär im "Staples Center" für einen Hot Dog an, unerkannt. Er sitzt bei den Spielern seiner Fußballmannschaften lässig auf der Tribüne, offenbar ganz entspannt. Er weiß: Er wird meist gewinnen, ganz sicher sogar, wenn zwei seiner Teams gegeneinander spielen. Auch die Milliarden-Verluste an der Börse werden Philip Anschutz, den gottergebenen Sohn, letztlich nicht treffen. Er hat sicher im Neuen Testament nachgelesen, wo es unter "Mathäus, 19" heißt: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein Reicher in das Himmelreich kommet" - armer Onassis!