Die Malik-Kolumne Kopf oder Bauch?

Entscheider machen Fehler. Wer aber meint, dass diese zu vermeiden sind, indem man den Verstand ausschaltet und sich von seinen Gefühlen leiten lässt, liegt falsch. Denn Gefühle trügen.
Von Fredmund Malik

Man kann sich allgemeiner Zustimmung, in manchen Kreisen gar der Verehrung sicher sein, wenn man mehr "Bauch" fordert und gegen die "Verkopfung" auftritt. Seminare für mehr "Emotionalität" sind Marktrenner - nicht etwa nur für den Privatbereich, sondern für die berufliche Entwicklung generell und für Management im Speziellen.

Regelmäßig machen dann auch Vertreter des Topmanagements Konzessionen an den Zeitgeist und treten für mehr Intuition und "Guts-Feelings" ein. Ebenso darf man mit allgemeiner Verteufelung rechnen, wenn man das Gegenteil tut. Die Diskussionsqualität ist mittelalterlich, ebenso der Dogmatismus und die inquisitorische Verketzerung.

Bemerkenswert ist allerdings, dass es nicht eine einzige wissenschaftliche Untersuchung gibt, die die Überlegenheit des "Bauches" gegenüber dem "Kopf" in jenen Dingen nachgewiesen hätte, wo diese am entschiedensten behauptet wird, nämlich beim Erfassen und Erkennen von komplexen Sachverhalten, und damit zusammenhängend beim Finden und Treffen von Entscheidungen, und zwar richtigen Entscheidungen.

Neid, Missgunst und Aggression werden ausgeklammert

Wenn von Emotionen und ihrer Wünschbarkeit die Rede ist, meinen die Leute die positiven Emotionen. Es gibt sie – Liebe, Mitleid, Empathie. Wer wollte ohne sie sein? Gibt es aber nur diese? Über die negativen, destruktiven, bösen Gefühle findet sich kein Wort. Gibt es den Neid, die Missgunst, den Hass, die Aggression, die Eifersucht und die Angst nicht? Sollen wir sie uns unter dem Etikett "mehr Bauch" ebenfalls wünschen – in unseren Familien und Organisationen?

Und wie sieht es denn aus mit der Richtigkeit der Entscheidungen aus dem "Bauch"? Abgesehen von den Fehlerquoten in den "gefühlsmäßigen" Partnerwahlentscheidungen (man denke an die Scheidungsquoten) und den "Bauch"-Entscheidungen an der Börse (man analysiere die Kontostände), braucht man nur ein paar einfache Experimente durchzuführen.

Zum Beispiel ist praktisch niemand in der Lage, gefühlsmäßig eine richtige Temperaturangabe zu machen. Was als subjektiv warm oder kalt angesehen wird, zeigt sich auf dem Thermometer mit seiner "verkopften" Objektivität praktisch immer ganz anders. Ebenso ist niemand in der Lage, Luftfeuchtigkeit oder Windgeschwindigkeit auch nur näherungsweise richtig zu schätzen. Gefühlsmäßige Geschwindigkeitsschätzungen von Autos durch Passanten etwa in Gerichtsprozessen sind notorisch falsch. Genau gleich ist es bei Zeitschätzungen. Was man "Zeitgefühl" nennt, liegt so hoffnungslos daneben und ist so sehr von der Situation abhängig, dass es unbrauchbar ist. Zehn Minuten beim Zahnarzt erscheinen endlos; zwei Stunden spannendes Kino vergehen wie im Flug.

Das Gefühl trügt

Gefährlich wird es, wenn den Leuten – nicht selten mit guruhaftem Autoritätsanspruch – zum Beispiel empfohlen wird, ihre Fitness nicht nach Messwerten, sondern "gefühlsmäßig" zu trainieren. Niemand ist in der Lage, die Höhe seines Pulsschlags gefühlsmäßig richtig zu nennen, außer er hat jahrelanges Training hinter sich, mit systematischen Pulsmessungen und genauen Aufzeichnungen – und selbst dann ist die Irrtumsquote hoch. Wir haben, auf reichlich Erfahrung gestützt, gute Gründe dafür, einer nach Gefühl gebauten Brücke ebenso zu misstrauen wie einem Gerichtsurteil, das auf Basis von Emotionen gefällt wurde.

Alle Untersuchungen, in denen zunächst behauptet wurde, einen positiven Zusammenhang zwischen Intuition und richtigen Entscheidungen nachzuweisen, sind bei genauerer Analyse widerlegt worden. Zum Teil waren die Experimente fehlerhaft angelegt, zum Teil gab es Messfehler oder fehlerhafte Statistiken oder falsche Interpretationen der Ergebnisse, zum Teil auch schlicht Fälschung. Das Einzige, was bleibt, ist etwas ganz anderes, nämlich eine starke, ja zwingende Empfindung subjektiver Gewissheit, die in der Regel mit Gefühlen verbunden ist. Eines aber ist gewiss: Die subjektiv empfundene Gewissheit, mag sie noch so stark sein, hat absolut gar nichts zu tun mit objektiver Richtigkeit oder Wahrheit.

Die Trennung von Gefühl und Verstand ist dümmlich

Dass der Verstand des Menschen fehlerhaft arbeitet, wird hier nicht bestritten; weswegen Gefühle diesen Mangel aber nicht haben sollten, bleibt unerfindlich. Allen Argumenten und Widerlegungen zum Trotz hält sich hartnäckig die bloße Behauptung, dass Gefühle dem Verstand überlegen seien und wenn man es schon nicht nachweisen kann, dann wird es wenigstens umso häufiger behauptet. Ganz ungeniert wird Gefühl höher gewertet als Verstand und Vernunft. Gefühl wird mit Wärme und Menschlichkeit assoziiert, Verstand mit deren Gegenteil, mit Kälte und wenn schon nicht Unmenschlichkeit, so doch eisigem Kalkül.

Schon diese sich gegenseitig ausschließende Zweiteilung ist dümmlich. Als ob es nicht beides gemeinsam und zugleich geben könnte, Gefühl und Verstand. Ist es nicht eine Anmaßung, ja unmenschlich, einem verstandesbetonten Mathematiker abzusprechen, dass er seine Familie lieben kann? Und wollen wir so weit gehen, dem emotionsgeprägten Künstler die Fähigkeit abzusprechen, seine Kontostände nachzurechnen? Aber darüber müsste man eben zuerst nachdenken; das würde für die dogmatischen Gefühlsmenschen das Risiko bergen, aus ihrer romantischen Selbstgerechtigkeit zu erwachen und die Emotions-Gurus würden ihre Einkommensquellen verlieren.

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