Interview "E-Business wurde falsch positioniert"

Nach dem Internet-Hype folgt die Ernüchterung - Wissen und Kompetenz ist nun gefragt. Tobias Kollmann, Professor am Kieler Lehrstuhl für Electronic Business, sagt, was er seinen Studenten auf den Weg in die Selbstständigkeit mitgibt.

mm.de:

Herr Kollmann, Sie sind Professor an dem Kieler Lehrstuhl für Electronic Business. Hat sich die Lehre verändert, seitdem in der Internetbranche die Euphorie verflogen ist und etliche Unternehmen Pleite gegangen sind?

Kollmann: Nein, wissenschaftliche Erkenntnisse und deren Umsetzung in der Lehre sollten unabhängig von kurz- bis mittelfristigen Schwankungen der Börsenkurse sein. Es steht außer Frage, dass die elektronischen Medien eine substanzielle Verbesserung ermöglichen, wenn man sich die Zeit nimmt, die Technologie und zugehörigen Businesskonzepte zu verstehen. Dieses Verständnis soll im Rahmen der Lehre kommuniziert werden. Die Empfehlungen sind dabei grundsätzlicher Art und keine Antworten auf Ad-hoc-Notwendigkeiten.

mm.de: Sind die Studenten weiterhin an E-Business interessiert oder haben die Bewerbungen für einen Studienplatz bei Ihnen nachgelassen?

Kollmann: Das Interesse ist nach wie vor hoch. So haben sich die Anmeldezahlen für einen Studienplatz in unserem Masterstudiengang "Multimedia-Management" am Multimedia-Campus-Kiel in diesem Jahr nahezu verdoppelt. Grund ist sicherlich eine zentrale Erkenntnis: Nachdem der Internet-Hype mit vielen vermeintlichen E-Business-Experten zu Ende ist, wird wieder Wissen und Kompetenz vom Nachwuchs gefordert. Speziell auf E-Business zugeschnittene Ausbildungsangebote können hier helfen.

mm.de: Was geben Sie Ihren Studenten mit, wenn sie sich selbstständig machen wollen - gerade im Bereich E-Business?

Kollmann: Das Erste, was ich Ihnen mitgebe, ist die Begeisterung für eine Selbstständigkeit in diesem Bereich. Auf Grund meiner eigenen positiven Erfahrungen versuche ich trotz aller aktuellen Schwierigkeiten die Potenziale im E-Entrepreneurship aufzuzeigen. Dabei vermittle ich mögliche Erfolgsfaktoren eines E-Business-Unternehmens und deren praktische Umsetzung.

Anhand von Fallbeispielen versuche ich ferner, mögliche Entwicklungspfade für die eigenen Überlegungen der Studenten aufzuzeigen. Abschließend lasse ich über eine Simulation die potenziellen Unternehmensgründer konkret an eigenen Ideen arbeiten.

"Ein Auge für das Machbare"

mm.de: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Kriterien, die Gründer mitbringen müssen, um Kapitalgeber zu finden?

Kollmann: Ein Gründer sollte Bescheidenheit, Kommunikationstalent, ein Auge für das Machbare, Durchhaltewillen, Krisenkompetenz und eine gute Geschäftsidee mitbringen. Darüber hinaus sollte er akzeptieren, dass der Kapitalgeber sein Freund und nicht sein Ausbeuter ist.

mm.de: Was ist momentan das Hauptproblem für Gründer?

Kollmann: Das Hauptproblem für die Gründer ist, dass sie derzeit unter drei wesentlichen Fehlern der Vergangenheit leiden. Das ist erstens auf der Kapitalgeberseite: E-Business wurde als kurzfristiges Spekulationsobjekt angesehen und nicht als langfristig wirkende Technologie interpretiert.

Zweitens auf der Kapitalnehmerseite: Einige Gründer im E-Business wollten mehr "die Gunst der Stunde" nutzen als langfristig erfolgreiche Geschäftsmodelle zu konzipieren.

Und drittens das Marktumfeld: E-Business wurde zum allgemeinen (Hoffnungs-)Träger der gesamten Wirtschaftslage und damit falsch positioniert.

Diese Fehler haben dazu geführt, dass pauschale Vorurteile vorhanden sind und die Gründer von heute mit denen von damals in einen Topf geworfen werden. Es wird kaum gefragt, was heute anders gemacht wird.

mm.de: Glauben Sie, dass sich das Gründerklima nach der Bundestagswahl verbessert?

Kollmann: Das hängt von den Maßnahmen ab, welche konkrete Unterstützung eine neue oder alte Regierung den Unternehmensgründern zukommen lässt - wie zum Beispiel Steuererleichterungen. Ferner wird die Behandlung von Venture Capital in Deutschland eine zentrale Rolle spielen. Wird Risikokapital als mögliche Steuerquelle interpretiert werden oder bleibt der Stellenwert von Erträgen aus Unternehmensbeteiligungen unangetastet? Nur im letzteren Fall bleiben die Kapitalgeber am Standort Deutschland und die Chance für Arbeitsplätze in neuen Unternehmen bleibt erhalten.

Gründermarkt: Kapital und Kontakte für Start-ups


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