Thomas Middelhoff Ansichten eines "ungeliebten Fremdkörpers"

Fünf Tage nach seinem Abgang sprach der Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff in einem Interview über den Rauswurf, seine Fehler und über die Zukunft seines ehemaligen Arbeitgebers. Zum Börsengang sieht der frühere Konzernchef nach wie vor keine Alternative.

Hamburg/Frankfurt - Die Mohn-Familie müsse bereit sein, für einen Börsengang ihren Unternehmensanteil von derzeit 75,1 Prozent auf maximal 50,1 Prozent zu senken, sagte Middelhoff in einem Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ohne einen Börsengang befürchte er, dass sich Bertelsmann aus der Gruppe der weltweit führenden Medienunternehmen verabschieden müsse.

"Wir sollten uns nichts vormachen: Der Kapitalmarkt wird sich wieder erholen. Dann werden unsere Mitbewerber die Möglichkeit haben, sich dort zu bedienen", so der Manager. Der Gütersloher Medienkonzern habe in den vergangenen Jahren nur durch den Verkauf von AOL-Aktien und Unternehmensteilen mithalten können, sagte Middelhoff.

Strategische Differenzen als Trennungsgrund

Der Manager fügte hinzu, der Grund für seinen Rücktritt sei ein "Disput über die Strategie". Eine wichtige Frage sei das uneingeschränkte Bekenntnis der Altgesellschafter zum Börsengang gewesen. Die Mohn-Familie hält über eine Verwaltungsgesellschaft 75 Prozent an Bertelsmann.

Gleichzeitig betonte Middelhoff sein nach wie vor gutes Verhältnis zu Reinhard Mohn. Die Beziehung zu dem Firmenpatriarchen beschrieb der Ex-Vorstandschef als "außergewöhnlich": "Man könnte schon fast von einem Vater-Sohn-Verhältnis sprechen." Wie bereits in den vergangenen Tagen war Middelhoff auch in dem "FAZ"-Interview bemüht, das Bild einer gütlichen Trennung zu zeichnen: "Ich bin Bertelsmann dankbar. Was ich hatte war schließlich geliehene Macht."

Lediglich über die Rolle seines ärgsten Widersachers im Aufsichtsrat wollte Middelhoff nicht sprechen. "Zu meiner Beziehung zu Gerd Schulte-Hillen möchte ich keinen Kommentar abgeben."

Die früheren Freunde hatten sich zuletzt nur noch wenig zu sagen. Der Aufsichtsratschef stand der strategischen Richtung Middelhoffs zunehmend kritisch gegenüber. Angeblich war Schulte-Hillen gemeinsam mit der Mohn-Gattin Liz und dem Middelhoff-Nachfolger Gunter Thielen die treibende Kraft hinter der Ablösung des Konzernchefs.

Stimmungsänderungen nicht erkannt

Der Ex-Vorstand gestand eigene Fehler ein. So hätte er Stimmungsänderungen zu Ungunsten seiner strategischen Position nicht früh genug wahrgenommen. Auch sein Kontakt zur Konzernzentrale in Gütersloh beurteilt Middelhoff im Rückblick als verbesserungswürdig: "Ich war für viele in Gütersloh ein ungeliebter Fremdkörper."

Kein Fehler sei jedoch die von vielen als zu teuer angesehene Übernahme des Musikunternehmens Zomba Records gewesen. Bertelsmann habe keine andere Wahl gehabt, als Zomba für drei Milliarden Dollar zu kaufen. Das alte Management habe bereits 1991 eine Kaufoption vereinbart. "Nie im Leben hätte ich das freiwillig getan", so Middelhoff.

Um Zomba dennoch zu übernehmen und gleichzeitig Schulden zu vermeiden, wollte der Vorstandschef den Zomba-Gründer Clive Calder mit Aktien bezahlen. Der Plan stieß jedoch bei den Mehrheitseignern vom Mohn-Clan auf Widerstand, deren Anteil damit unter die 75-Prozent-Marke gefallen wäre. Angeblich soll diese Frage der Auslöser für die Tennung vom CEO gewesen sein.

Kein Dealmaker

Kein Dealmaker

Der Manager verwehrte sich zudem gegen den Vorwurf, er sei ein reiner Dealmaker gewesen, der nur durch Zukäufe Wachstum geschaffen habe. Die zwei von ihm - ebenfalls durch Akquisitionen - geschaffenen Geschäftsfelder Random House und RTL Group erwirtschafteten heute die Hälfte des operativen Konzernergebnisses. "Dealen war bei Bertelsmann nie angesagt", so Middelhoff. Der neue Vorstandschef Gunter Thielen hatte am Mittwoch in einem Interview gesagt, Bertelsmann werde in Zukunft "weniger dealen und mehr gestalten".

Zur zukünftigen Strategie des Bertelsmann-Konzerns äußerte Middelhoff die Einschätzung, dass das von ihm massiv vorangetriebe Geschäft im Internet weiter ausgebaut wird. Onlineangebote wie etwa die Musiktauschbörse Napster seien langfristig eine wichtige Distributionsplattform. Durch den Rückzug aus diesem Bereich würde langfristig ein gewaltiger Wachstumsmarkt nicht erschlossen.

Zukunft in Amerika?

Angesprochen auf seine eigene Zukunft sagte Middelhoff: "Wenn Sie wissen wollen, ob ich beruflich nach Amerika gehe, dann möchte ich diplomatisch antworten: Die Option, dieses zu tun, möchte ich im Urlaub prüfen." Mehrmals erwähnte der Top-Manager Steve Case, Chairman des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner . Der Deutsche lobte dessen Unternehmensstrategie als "richtig".

Weiter sagte Middelhoff, er habe mit großem Interesse verfolgt, wie Jeffrey Katzenberg, Steven Spielberg und David Geffen die Produktionsfirma Dreamworks gegründet hätten. Mit Steve Case habe er "schon die tollsten Überlegungen" für neue Projekte angestellt. Dennoch sei es unwahrscheinlich, dass er sich als Medienunternehmer selbstständig machen werde.

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