Milton Friedman Vom Kellner zum "Monetaristen"

Ein amerikanischer Traum: Milton Friedman – der Streiter wider den staatlichen Interventionismus, feierte am Mittwoch seinen 90. Geburtstag. Kaum ein anderer Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts hat das ökonomische Denken so geprägt.

Milton Friedman polarisierte schon immer die Geister. Äußerungen des Wirtschaftswissenschaftlers, wie die in einem aktuellen Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit", bringen seine Gegner in Rage: "Es lässt sich schlicht nicht beweisen, dass es in Europa heute durch den Wohlfahrtsstaat größere Gleichheit zwischen Arm und Reich gibt als ohne ihn."

Mit solchen Aussagen schafft man sich nicht nur Freunde. Seine zahlreichen Kritiker warfen ihm wiederholt vor, er propagiere einen Laisser-faire-Liberalismus, der nur der unternehmerischen Eigensucht diene und die Armen verhungern lasse.

Doch obwohl er sich so weit aus dem Fenster lehnt, gehört er zu den wichtigsten und einflussreichsten Wirtschaftsexperten. Der Ökonom hat eine bewegte Vergangenheit: Er wurde am 31. Juli 1912 als viertes Kind jüdischer Einwanderer in Brooklyn/New York geboren. Friedmans Vater war Kaufmann, seine Mutter Näherin.

Als der hochbegabte Schüler fünfzehn Jahre war, starb sein Vater. Friedman musste als Kellner und Schuhverkäufer während der Weltwirtschaftskrise für die Familie mitverdienen. Er absolvierte 1928 in Rahway die High School und studierte anschließend als Stipendiat mit dem Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften an der Rutgers-Universität (New Jersey) und promovierte 1946.

Ein glühender Verfechter des Kapitalismus

Im selben Jahr erhielt er einen Ruf als Professor für Wirtschaftswissenschaften an die Universität Chicago, an der er von 1948 bis 1983 lehrte. Dreißig Jahre nach seiner Promotion wurde er mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet.

Friedman ist liberaler Ökonom und glühender Verfechter des Kapitalismus: "Auch wenn die freie Marktwirtschaft nicht das effizienteste System wäre, das es gibt - ich wäre trotzdem dafür, und zwar wegen der Werte, die sie sichert: Wahlfreiheit, Herausforderung, Risiko."

Als Mitglied der "Chicago-Schule" entwickelte der Republikaner, basierend auf der Idee der zentralen konjunkturpolitischen Rolle der Geldversorgung, geldtheoretische und -politische Überlegungen, die unter dem Namen "Monetarismus" weltbekannt wurden. Sie fanden politisch großes Interesse als Rezept zur Bekämpfung von Inflationen.

Als Gegenmodell zur keynesianischen Politik der Nachfragebelebung schlug der New Yorker vor, die Geldpolitik nicht über den Zinssatz, sondern über die Steuerung der Geldmenge zu regeln. Eine Politik des stetigen, gemäßigten Geldmengenwachstums gewährleiste, dass sich auch Beschäftigung und Preisniveau mittel- und langfristig stetig entwickelten, so seine Theorie.

Wohlfahrtsstaat zum Scheitern verurteilt?

Wohlfahrtsstaat zum Scheitern verurteilt?

Friedmans schärfster Kritiker Kritiker John Kenneth Galbraith sagt über den Nobelpreisträger: Er verdanke seinen einflussreichen Anhängern in der Politik, dass er zum vielleicht einflussreichsten Ökonomen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde. Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher engagierten sich, die Ideen Friedmans in Ihre Politik einfließen zu lassen. Außerdem orientierten sich Notenbanken in aller Welt an seinen Rezepten.

In den USA gehörte der Ökonom, der unter Präsident Nixon ein einflussreicher wirtschaftspolitischer Berater war, zu jenen, die die Wiedererweckung eines marktwirtschaftlichen Liberalismus in die Wege leiteten.

An Feinden mangelte es ihm nie. Überzeugt, dass der auf staatlichen Zwangsmaßnahmen beruhende Wohlfahrtsstaat früher oder später zum Scheitern verurteilt sei, befürwortete er eine ersatzlose Streichung der Sozialversicherungen sowie des staatlichen Gesundheitswesens und des Bildungssystems.

Nach langer hitziger Debatte, wie es damals hieß, wurde Friedman im Herbst 1976 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

Trotz hohen Alters schlagfertig

Der Republikaner unterstützte 1980 den Wahlkampf Ronald Reagans, der als Präsident im Gegenzug wesentliche Elemente von Friedmans Lehre in seine Wirtschaftspolitik übernahm. Außerdem war er Berater von Margaret Thatcher, dem chilenischen Diktator Pinochet und ab 1977 für die rechte israelische Likud-Regierung.

Auch unter seinen politischen Gegnern gilt es als unbestritten, dass seine profunden wirtschaftstheoretischen Untersuchungen zu einem tieferen Verständnis der Finanzmärkte und der Geldpolitik, aber auch des Konsumverhaltens und der Rolle von Erwartungen im Wirtschaftsprozess beigetragen haben. "Friedman nur als rechten Ökonom einzusortieren, würde dem streitbaren alten Mann nicht gerecht", befand auch Hermann-Josef Tenhagen in der "Tageszeitung".

Seit 1976 ist Friedman als Senior Research Fellow für die Hoover Institution der kalifornischen Stanford-Universität tätig. Er publiziert noch und meldet sich regelmäßig mit wirtschaftspolitischem Rat zu Wort. Erst am 9. Mai wurde Milton Friedman im Weißen Haus als bedeutendster Volkswirt der vergangenen 100 Jahre geehrt.

Trotz seines hohen Alters hat er nicht an rhetorischer Schärfe verloren, wie er in dem Interview gegenüber der "Zeit" bewies.

Zum Thema Armut sagt Friedman: "Den Superreichen geht es heute, mal abgesehen von der Gesundheitsvorsorge und den Transportmöglichkeiten, doch nicht besser als vor hundert Jahren. Große Häuser besaßen sie immer, und fließendes Wasser hätten sie damals gar nicht gebraucht, denn sie hatten ja eilende Sklaven."

Friedman führt fort: "Die Armen hingegen konnten ihren Lebensstandard enorm verbessern, sie haben Autos, Fernseher, fließendes Wasser."

Liste: Die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft

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