Gunter Thielen Gunter wer?

Damit hatte niemand gerechnet: Der miserabelste Selbstvermarkter aus dem Bertelsmann-Vorstand wurde zu einem der wichtigsten deutschen Medienmanager. Nun erklimmt Gunter Thielen sogar den Bertelsmann-Thron.
Von Klaus Boldt

Gütersloh/Hamburg - Kompliment auch von dieser Seite an Gunter Thielen (59): Dem weithin unbekannten Qualitätsmanager ist es - trotz jüngster Karrieresprünge - gelungen, weithin unbekannt zu bleiben. Eine starke Leistung, eine große Vorstellung, zumal in der Medienwelt, wo selbst die Schüchternsten und Unfähigsten und größten Spinner noch zu ihrem gewissen Ruhme kommen.

Im Herbst 2001 hatte Thielen die Führung der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG) und der Bertelsmann Stiftung übernommen. Nun folgt Thielen überraschend Thomas Middelhoff als Vorstandschef des Medienkonzerns.

Mächtige Institute: Die BVG kontrolliert 75 Prozent der Stimmen, die Stiftung knapp 60 Prozent des Kapitals der Bertelsmann AG. Hier sitzt Thielen auch im Vorstand, zuständig für Druck- und Industriebetriebe.

So wurde Gunter - was? - Thielen - wer? - zu einem der mächtigsten Medienvertreter des Landes. Vor allem aber nahm in ihm die Vermutung dröge Gestalt an, dass sogar in der imagefixierten Kommunikationszeit tollste Karrieren noch immer von blassesten Typen gemacht werden.

Was hier freilich der Vollständigkeit halber enthüllt werden muss: Thielen ist nicht nur im Medien-, sondern auch, Gott weiß warum, im Wurst- und im Zahnersatzwesen Gewinn bringend tätig: Dem Manager gehört ein gut Teil der Hans Höll Fleischwarenfabrik aus Illingen, ein Besitztum aus der Familie seiner Frau Ulla; und - seit ihm sein Zahnarzt von ihr berichtete - auch der Firma Altatec, Spezialistin für Zahnimplantate.

Strategische Großoffensiven hingegen spektakeln ebenso wenig durch die Laufbahn des promovierten Ingenieurs wie langstirnige Aufwühlungen über Unternehmensethik, die in Gütersloh von jeher zum karrierefördernden Rhetorikgestöber gehören.

Sein erfolgreiches Wirken im Konzern ließ beim Bertelsmann-Stifter Reinhard Mohn (81) aber eine Begeisterung entstehen, die durch seine, Thielens, vollkommene Besonnenheit noch gesteigert wurde.

Es ist kein Zufall, dass die ökonomische Evolution ausgerechnet jetzt - da Großtuer und Wichtigmacher wie Leo Kirch und Jean-Marie Messier Geschichte sind - diesen mit Freundlich-, Herzlich-, Zuverlässigkeit gesegneten Manager als aktuelles Trendmodell präsentiert.

Sparsam im Auftritt, ordentlich in der Haltung, sauber im Satzbau, sagt Thielen mit virtuosem Übersinn: Er habe "kein Interesse an Macht". Wichtig sei, "wie man von A nach B kommt". Das Übliche. Intern lässt Thielen gelegentlich eine geschliffene Bemerkung über den Vorwärtsdrang des Bertelsmann-Systemveränderers Thomas Middelhoff fallen. Aber dann hebt er sie wieder auf: alles in aller Freundschaft und so.

Im August sollte Thielen eigentlich sein Vorstandsamt niederlegen und sich ausschließlich um Stiftung und BVG kümmern. Doch dann plötzlich der Eklat um Thomas Middelhoff. Statt, wie geplant, über das Machen nur noch nachzudenken, ist Thielen jetzt weiter als Macher gefordert - an der Spitze des Bertelsmann-Konzerns. Bravo!

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