Motivationstrainer Tief deprimiert

Vorbei die positiven Zeiten. Die steile Karriere durch den Glauben an sich selbst hat sich als Trugschluss erwiesen, die Beschwörer des grenzenlosen beruflichen Erfolgs sind ausgelaugt. Eine Branche, die die Welt nicht braucht, hat ausgedient.

Hamburg - "Alles ist möglich, du musst es nur wollen" - dass dem nicht so ist, beweist der insolvente Pleitegeier und ehemals Deutschlands berühmtester Motivationstrainer Jürgen Höller selbst. Er predigte in seinen Seminaren: "Du kannst es, wenn du nur willst" - hat er nicht genug gewollt?

"Steig' ab vom Pferd, wenn es tot ist" zitiert der SPIEGEL den gescheiterten Großmotivator. Doch nun liege die Branche leichenstarr da und der Reiter muss umsatteln. Guru Höller habe ein Problem. Die Schar seiner Gläubiger sei inzwischen größer als die der Gläubigen. Seine Botschaften wolle kaum einer mehr hören. Immer mehr Firmen verzichten auf die teuren Motivationsseminare, berichtet das Magazin.

"Du kannst es" - nicht

Sein Absturz sei kein Zufall, sondern ein Symptom, so der SPIEGEL weiter. Derzeit herrsche in der Weiterbildungsbranche Fronleichnams-Tristesse. Trainestars wie Emile Ratelband, Bodo Schäfer, Ulrich Strunz oder Erich Lejeune - das Credo dieser Prototypen der vergangenen Jahre für Erfolg und "Du kannst es, wenn du nur willst" hat ausgedient.

Höller ist pleite, die Fernsehsendung mit Ratelbands Sofort- und Fernheilungsallüren wurde abgesetzt, Schäfers frühere Firma Finanz Coaching musste ebenfalls Insolvenz beantragen. Und der Unternehmer Lejeune, heute nebenbei Moderator beim Münchner Lokalsender TV München, wird unter Journalisten verhöhnt, weil er zu seiner Sendung "Börsenquartett" gelegentlich und der Einfachheit halber Kollegen einlädt.

"Positiv denken macht auf Dauer krank"

"Positiv denken macht auf Dauer krank"

Die schillernden Propheten der vergangenen Jahre haben sich selbst entzaubert. Das wird einen besonders freuen. Der Psychotherapeut Günter Scheich aus dem westfälischen Oelde führt seit Jahren einen Kampf gegen die selbst ernannten Heilsbringer des Glücks.

"Positiv denken macht auf Dauer krank", sagt Scheich, der eine Lanze für die gelegentlich schlechte Laune brechen will. "Negiert man nämlich all die negativen Gedanken, die in einem sind, löst das Identifikationskrisen aus, und das Realitätsempfinden geht kaputt. Folge: Die Frustrationstoleranz sinkt, man wird depressiv, weil zwangsläufig nicht alle Erwartungen erfüllt werden können."

Später komme mitunter "Zwanghaftigkeit oder Schizophrenie dazu". Die Zahl von Scheichs Patienten, die in den vergangenen Jahren auf Grund übertrieben positiver Denkdogmen zu ihm kamen, sei sprunghaft gestiegen. "Der Druck, zu der Gruppe der immer Erfolgreichen und immer Gutgelaunten gehören zu wollen, wächst ständig."

Jürgen Höller: Die Rückkehr des Großmotivators Bodo Schäfer: Ausgebrannt  Fit for Success: Mit zwölf Zylindern

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