Professoren Geistige Elite oder Drückeberger?

Manche engagieren sich bis zum Umfallen, andere zwickt eine chronische Lehr-Allergie: Immer wieder kommen Professoren, die ihre Pflichten schleifen lassen, ins Gerede - meist folgenlos, weil es kaum Kontrollen gibt und die Ministerien selten eingreifen. Wie intakt ist die Arbeitsmoral deutscher Hochschullehrer?

Was haben Professoren mit Bankräubern und Astronauten gemeinsam? Alle drei Berufsgruppen legen Wert auf den größtmöglichen Abstand zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, behaupten Spötter.

Wer alle Schlupflöcher und Schleichwege nutzt, kann seinen Einsatz an der Uni spielend auf unter 50 Tage pro Jahr drosseln. Solche Fälle treten immer wieder auf und sorgen für heftigen Zwist an deutschen Hochschulen - wenn Bildungspolitiker wie Studentenvertreter Professoren vorwerfen, es im Windschatten ihrer Beamtenprivilegien mit den Dienstpflichten nicht so genau zu nehmen.Die Hochschulgesetze der Länder lassen am Umfang der Lehrverpflichtung keinen Zweifel: An den Fachhochschulen liegt das Stundendeputat in der Regel bei 18 Wochenstunden, an den Universitäten lediglich bei acht Stunden - und nur während der Semester, also rund sieben Monate pro Jahr. Hinzu kommen natürlich Vor- und Nachbereitung, Prüfungen, Sprechstunden, außerdem als große Aufgabenblöcke Forschung und akademische Selbstverwaltung.

Papier ist geduldig

Doch Papier ist geduldig und alle Theorie grau. Das Grundgesetz verbrieft die Freiheit der Wissenschaft, Kontrollen gegen Missbrauch finden selten statt. In der Praxis haben daher Hochschullehrer mit chronischer Lehr-Allergie allerlei Möglichkeiten, ihren Arbeitsaufwand weitgehend folgenlos zu reduzieren. Sie spezialisieren sich zum Beispiel auf Wochenendseminare tief in den Semesterferien, halsen lästige Veranstaltungen im Grundstudium den Assistenten auf, lassen sie kommentarlos ausfallen oder später im Semester beginnen und dafür früher enden.

Wer nicht in der Nähe der Hochschule wohnt, legt seine Vorlesungen und Seminare mitunter auf ein, zwei Tage pro Woche. Und ist an den anderen Tagen sporadisch, nur über das verwaiste Postfach in der Uni oder gar nicht erreichbar - wenn im Vorlesungsverzeichnis keine Telefonnummer steht und die Sekretärin im Abwimmeln geschult ist.Bei Drückebergern ist der Montagmorgen ebenso beliebt wie der Freitagabend. Im Sommersemester werden auch die Donnerstage für Lehrveranstaltungen stets gern genommen - wegen der vielen Feiertage. Und mit Blockseminaren kann man die Lehrverpflichtungen blitzschnell abarbeiten.

Lukrative Nebengeschäfte

Die Liste der Tricks und Kniffe ließe sich noch lange fortsetzen - von ausgedehnten Forschungsreisen mitten im Semester über demonstrativ hohe Leistungsansprüche bis zu jenen Hochschullehrern, die neben ihrer unkündbaren Stelle an der Uni einträgliche Büros betreiben oder emsig als Gutachter wirken, um ihr karges Beamtengehalt aufzubessern.

Jeder Student, jeder Dozent weiß: Es gibt Professoren, die solche Nischen an der Alma Mater schamlos ausnutzen. Zugleich behauptet aber niemand, Hochschullehrer seien generell arbeitsscheu. Im Gegenteil: Alle einschlägigen Untersuchungen belegen, dass sich das Gros der Wissenschaftler weit über das in vielen anderen Berufen übliche Maß hinaus engagiert. Ihre durchschnittliche Arbeitszeit liegt bei 50 bis 60 Wochenstunden, viele rackern bis zum Umfallen.Fragt sich nur, woran sie arbeiten. Vielfach scheint das Problem eher die Balance zwischen Forschung und Lehre. Ihre akademischen Meriten verdanken Professoren traditionell einem imposanten Ausstoß an Publikationen und der Anerkennung in kleinen Expertenzirkeln, nicht dem mühsamen Alltagsgeschäft der Lehre. Manche laufen im Hörsaal zur Höchstform auf, sind bei der Beratung von Examenskandidaten unermüdlich und stets ansprechbar. Anderen gelten Studenten schlicht als Störfaktor, als lästiger Sand im Forschungsgetriebe.Strittig bleibt, wie groß die Gruppe der Hörsaal-Verweigerer wirklich ist. Handelt es sich um einzelne schwarze Schafe oder um eine vielköpfige Herde? Ist es notwendig, die Freiheiten der Gelehrten einzuschränken und auf mehr Kontrolle zu setzen?

Widerstand gegen "bürokratische Gängelung"

Darüber gab es in den letzten Jahren an den deutschen Universitäten immer wieder muntere Debatten. Eine "Kultur des Kümmerns" forderte zum Beispiel Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) vor einigen Monaten: "Es reicht eben nicht aus, wenn Professoren nur einmal pro Woche eine Sprechstunde anbieten." Auch Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU) kritisierte, als er im vergangenen Jahr seinen Abschied nahm, viele Professoren wollten nur "in Ruhe forschen" und achteten die Lehre "zu gering".Diese Attacke war noch mild. So hatte der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann im Jahr 2000 einmal eine Rede vor Rektoren mit dem Satz gewürzt: "Ab 52 kann man relaxen, da ist die Versuchung groß, an ein Leben der Toskana zu denken." Und zuvor war es in der Hochschulrektorenkonferenz fast zur Palastrevolte gekommen, als Präsident Klaus Landfried das böse F-Wort verwendet hatte - Faulheit. Landfried hatte empfohlen, den Beamtenstatus der Professoren abzuschaffen, damit man Leistungsverweigerer schneller vor die Tür setzen könne. Denn gegen "No-Show-Professoren" sei sonst "kein Kraut gewachsen".

Ist die Stechuhr der Tod der Wissenschaft?

Sobald ihr Arbeitseifer in Zweifel gezogen wird, verlieren deutsche Professoren schnell die Contenance. Vor allem der Deutsche Hochschulverband (DHV) wehrt sich mit Verve gegen jede Maßregelung und Gängelung der Professoren.

Die Stechuhr sei der Tod der Wissenschaft, glaubt DHV-Präsident Hartmut Schiedermair. Nach Auffassung der Professorenlobby reicht fakultätsinterner Druck fast immer aus, um hartnäckige Lehr-Abstinenzler in den Griff zu bekommen.Der renommierte Soziologe Ralf Dahrendorf empfahl einmal ein anderes Rezept: "Drei Professoren mit Disziplinarverfahren von der Uni entfernen, und die anderen werden sich zusammenreißen." Doch vor Gericht haben die Wissenschaftsminister als Dienstherren einen schweren Stand, die Verfahren gegen Abstinenzler schleppen sich oft über Jahre dahin. Disziplinarmaßnahmen, Gehaltskürzungen oder gar Rausschmisse gelten ihnen lediglich als Ultima ratio.

Professoren auf Tauchstation

Spagat zwischen den Unis: Der Diener zweier Herren

Faulheit kann man Berthold O. kaum vorwerfen, eher übertriebenen Fleiß und Geschäftstüchtigkeit. Der bayerische Professor absolvierte eine besonders skurrile Karriere: Jahrelang hatte er gleich zwei Lehrstühle inne. An der Fachhochschule Hof lehrte er Betriebswirtschaft, an der Bundeswehr-Universität München Thermodynamik. Pausenlos pendelte er zwischen den beiden rund 300 Kilometer voneinander entfernten Hochschulen und kassierte doppelte Beamtenbezüge.

Den Spagat schaffte O. durch geschicktes Zeitmanagement, legte seine Veranstaltungen an beiden Orten auf zwei, drei Tage pro Woche und die Prüfungen auf ungewöhnliche Zeiten. Doch die Arbeit litt unter der regen Reisetätigkeit, Kollegen wie Studenten begannen zu murren. Und dann flog der Schwindel Anfang 2002 prompt auf.O. & O.: sein eigener Doppelgänger, ein perfektes Paar. So viel Einsatz müsse doch belohnt und nicht bestraft werden, findet Cleverle O. selbst. Die zuständigen Ministerien allerdings sahen das etwas anders und schassten den umtriebigen Professor von beiden Stellen. Obendrein hat er Staatsanwälte, Polizei und Steuerfahndung am Hals.

Tübinger Dauerfehde: Das Chaos bin ich

Aus einem Disput, der als Provinzposse begann, wurde in Tübingen ein Politikum. Seit gut 15 Jahren liegt der Wissenschaftler Otto Rössler in einem bizarren Clinch mit dem Land Baden-Württemberg und der Hochschule. 1988 wurde Rösslers Frau eine Professur entzogen, 1993 Otto Rössler eine Lehrveranstaltung. Seitdem treibt der Zwist bizarre Blüten. Der Chaosforscher drückt sich keineswegs vor seinen Lehrverpflichtungen, will ihnen aber nur im Spezialgebiet seiner angestammten Professur nachgehen. Die Universität erteilte ihm Hausverbot, er beschimpfte den Uni-Rektor, wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, wehrte sich immer lauter öffentlich. Manche Kollegen halten ihn für überaus störrisch, er selbst sieht sich verfolgt. Im vergangenen Jahr wurde schließlich sogar das Haus der Rösslers zwangsversteigert. Daraufhin besprühte der renitente Wissenschaftler die Uni-Aula mit den Lettern "PUT" - für "Pogrom-Universität Tübingen". Abermals wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, die er abermals nicht zahlen will - eine traurige Geschichte von der Dauerfehde eines eigenwilligen Wissenschaftlers mit Universität und Ministerium.

Ausgedehnte Dienstreisen

Schon legendär ist der Fall von Horst Albert Glaser. Der Essener Literaturwissenschaftler kam in den neunziger Jahren durch ausgedehnte Dienstreisen mitten im Semester ins Gerede - mal nur nach Jena oder Pisa, mal nach Neuseeland.

Studenten hatten Buch geführt und genau notiert, dass er in einem Semester lediglich drei von zwölf Seminarsitzungen in voller Länge absolvierte.Schließlich zog das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium dienstrechtliche Konsequenzen. Doch gegen die Disziplinarmaßnahmen zog Glaser vor Gericht und gerierte sich als Held im Kampf gegen neidische Bürokraten. Letztlich mit Erfolg: Gelsenkirchener Richter entschieden, dass Professoren, wann immer sie wollen, in die weite Welt aufbrechen und über die Gewichtung ihrer Aufgaben in Forschung und Lehre selbst entscheiden können.

Kunsthochschulen: Professor Nirgendwo

Glaser war letztlich die NRW-Rechtsverordnung zu verdanken, mit der Bildungsministerin Gabriele Behler 1999 Schlendrian in der Lehre stoppen wollte. Das Land verdonnerte Professoren, ihre Veranstaltungen auf mindestens drei Tage pro Woche zu verteilen und an einem vierten Tag anwesend zu sein.An den Kunsthochschulen ist eine verschärfte Präsenzpflicht besonders schwer durchzusetzen, die Spannung zwischen Dienstrecht und Lehrmoral besonders auffällig. Oft ködern sie mit hohen Gehältern international renommierte Künstler, die mitunter mehr an den Annehmlichkeiten des Professorenstatus und an ihrem eigenen kreativen Schaffen interessiert sind als an der Betreuung ihrer Studenten. Damit handeln sich deutsche Kunst- und Musikhochschulen immer wieder scharfe Rügen der Landesrechnungshöfe ein.Just in der aufgeregten Debatte über die Präsenzpflicht machte ein Redakteur der "Rheinischen Post" die Probe aufs Exempel und versuchte, mitten im Sommersemester Hochschullehrer telefonisch zu erreichen. Niederschmetternd das Ergebnis an der Kunstakademie Düsseldorf: Von insgesamt 43 Professoren war nur ein einziger im Haus - und der ging nicht ans Telefon.Kunstakademie-Rektor Markus Lüpertz wehrte sich vehement gegen die "heimliche Ausforschung": "Stundenpläne, Zeit- und Lehrdeputate oder gar Kontrollen irgendwelcher Art sind genauso untaugliche Mittel zur Erfüllung der künstlerischen Lehraufgaben wie Lehrprogramme oder Kurssysteme und entstammen einer der Kunst fremden Welt", zürnte Lüpertz.

Maritime Dienstfahrten

Ebenfalls 1999 geriet der Heidelberger Meeresbiologe Hajo Schmidt durch ausgiebige Segelexkursionen in die Schlagzeilen und wurde als "Professor Holiday" bundesweit bekannt.

Jahrelang konzentrierte Schmidt seine Lehrverpflichtungen auf einen zweiwöchigen Segeltörn im Mittelmeer, mit Tauchexkursionen zur Erforschung der Unterwasserwelt. Ansonsten trat er in der Lehre nicht in Erscheinung, publizierte auch keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr.Eine Zierde seines Berufsstandes sei Schmidt sicher nicht, fanden seine Kollegen, die ihn nur selten sahen - und dann meist im Fernsehen. Heidelberger Professoren reagierten verständnislos auf seine maritimen Dienstfahrten mit dem Zweimaster, das Wissenschaftsministerium ebenfalls. Schmidt dagegen hatte eine einfache Erklärung für die Kritik: "Ich soll rausgeekelt werden", zudem sei die Arbeit in seinem maroden Büro "einfach nicht zumutbar".

Wissenschaftlerkrieg: Rachefeldzug im Hawaihemd

Neue Energien auf der Segelyacht tankte auch Peter Martin Litfin, in Medienberichten schon mal als "faulster Professor Deutschlands" tituliert. Der Wormser Fachhochschul-Professor erkundete zwischen 1993 und 1998 ausgiebig die Küsten Floridas, wobei sein monatliches Salär von rund 10.000 Mark durchaus hilfreich war. "Systematische Ausgrenzung" und "übelstes Mobbing" hätten dazu geführt, ihn "vom Prüfungsgeschehen fernzuhalten", klagte der sonnenhungrige Steuerrechtler, der bei einer wichtigen Klausur gleich 28 von 30 Studenten durchfallen lassen hatte.Hawaihemd-Träger Litfin präsentierte sich als wehrhaft und schwärzte seine Kollegen an. Und so flogen an der FH Worms die einträglichen Nebenjobs der Dozenten gleich reihenweise auf, plötzlich verzeichnete die kleine Fachhochschule einen veritablen Wissenschaftlerkrieg.