Harvey Pitt Börsen-Marshall in Nöten

Muss der SEC-Chef zurücktreten? Der Druck auf Harvey Pitt wächst. Denn seine engen Verbindungen zu Unternehmen, die er eigentlich kontrollieren soll, könnten ihm zum Verhängnis werden.

Washington - Denen einen galt Harvey L. Pitt als Idealbesetzung für den Chefposten der US-Finanzaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC). Denn der bullige Wall-Street-Profi war mit der Behörde gut vertraut. Andere dagegen meldeten frühzeitig Bedenken an. "Kann der Bock ein Gärtner sein?", fragte das manager magazin, als Pitt im August 2001 als 26. Vorsitzender in der Geschichte der SEC sein Amt antrat (siehe: "Achten Sie auf: Harvey Pitt").

Heute, ein knappes Jahr später, und nach einer Serie schlimmster US-Finanzskandale, wird der Rücktrittsdruck auf den obersten staatlichen Börsenaufseher immer größer. Als erster prominenter Republikaner forderte Senator John McCain am Donnerstag in Washington Pitt öffentlich auf, seinen Posten aufzugeben.

Zuvor hatten bereits der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, und der demokratische Vizepräsidentschaftskandidat des Jahres 2000, Joseph Liebermann, die engen Verbindungen Pitts mit Unternehmen kritisiert, die er kontrollieren soll. Pitt hatte als Anwalt führende Finanz- und Buchführungsfirmen vertreten.

US-Präsident George W. Bush persönlich hatte Pitt am vergangenen Montag das Vertrauen ausgesprochen und gleichzeitig "harte neue Gesetze" zur Verhinderung von Finanzskandalen angekündigt. Er will mit der von ihm eingesetzten Sonderkommission zur Bekämpfung von Bilanzfälschungen in Unternehmen über das weitere Vorgehen beraten.

Vom Lobbyisten zum Aufseher

Bush will heute am Freitag mit dem stellvertretenden Justizminister Larry Thompson und Harvey Pitt zusammentreffen. An den Gesprächen beteiligen sich nach offiziellen Angaben auch Justizminister John Ashcroft und FBI-Direktor Robert Mueller.

Die Sonderkommission werde mit dem Präsidenten das weitere Vorgehen erörtern, sagte Präsidialamtssprecher Ari Fleischer am Donnerstag in Washington. Bush hatte am Dienstag an der Wall Street erneut deutlich schärfere Strafen gegen Bilanzfälschung verlangt.

Nachdem Pitt an der St. John's Universität (New York) Rechtswissenschaften studiert hatte, ging er 1968 zur SEC. Schnell stieg er zum Assistenten des damaligen Vorsitzenden Ray Garret Jr. auf. 1975 wurde der Advokat im Alter von 30 Jahren der jüngste Chefsyndikus der SEC. Mitte der siebziger Jahre beschäftigte er sich mit zahlreichen Bilanzskandalen - unter anderem untersuchte er Unregelmäßigkeiten bei United Brands und Lockheed.

1978 verließ Pitt die Behörde, um Partner bei der Anwaltskanzlei Fried Frank Harris Shriver & Jacobson zu werden. Dort wurde er zur ersten Adresse für alle jene, die mit finanzrechtlichen Problemen zu kämpfen hatten - die New Yorker Börse, Merrill Lynch, America Online sowie über 100 weitere Unternehmen, die Ärger mit der SEC hatten, zählten zu seinen Kunden.

Bush: "Kein Reichtum ohne Charakter" Bilanzskandale: Rückendeckung für die SEC US-Börsenaufsicht: Die überforderten Sheriffs Harvey Pitt: Kann der Bock ein Gärtner sein?


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