G100-Gipfel Der diskrete Club der Top-Manager

Vorstände, denen Davos zu profan ist, treffen sich im elitärsten Manager-Zirkel der Welt. Wer wirkliche Exklusivität sucht, ist im G100. Der Club mit dem Motto "For CEOs only" expandiert jetzt in die Alte Welt. "Program Leader" der Europa-Premiere ist DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp.

New York - Vor dem Eingang der edlen Stadtvilla an der Park Avenue stehen gleich drei Portiers. "Sind Sie ein Chief Executive?", wird man als Besucher gefragt. "Nein? Dann warten Sie bitte hier."

"For CEOs only" steht auf der Visitenkarte von Marie-Caroline von Weichs - und das ist wörtlich gemeint. Die promovierte Molekularbiologin und Unternehmensberaterin ist Präsidentin des G100, des angeblich exklusivsten Manager-Zirkels der Welt.

80 Mitglieder hat der Club, der Jahresbeitrag beträgt 25.000 Dollar. Mitglied werden können nur die Chefs von Großunternehmen - und auch das nur auf Einladung. "Wir sind eine sehr diskrete Organisation", sagt Weichs.

Armstrong und Dell sind, Kenneth Lay war Mitglied

Zweimal im Jahr treffen sich die Top-Manager in dem Haus an der Park Avenue, in dem sonst der Council on Foreign Relations sitzt. Die Agenda setzt Weichs. Die gebürtige Österreicherin ist das ganze Jahr unterwegs, von einer Vorstandsetage zur nächsten, um herauszufinden, was die Mitglieder interessiert.

Mit den Pleiten wechseln die Mitglieder

Zu den Erlesenen zählen unter anderem Michael Armstrong von AT&T und Michael Dell. Auch Kenneth Lay war dabei - bis er als Enron-Chef geschasst wurde. "Wer seinen CEO-Titel verliert, ist raus", sagt Dennis Carey, einer der Club-Gründer und Partner bei der Headhunter-Firma Spencer Stuart.

Mit den Pleiten wechseln die Mitglieder

In diesen Tagen wechselt die Mitgliedschaft häufig: Gary Winnick war nicht mehr erwünscht, nachdem er Global Crossing in den Bankrott geführt hatte. Zuletzt rausgeflogen ist der in einen Steuerskandal verwickelte Ex-Tyco-Chef Dennis Kozlowski.

Kozlowski hatte den Club vor drei Jahren zusammen mit Carey gegründet. Damals nannten sie sich M&A Group, weil sie vor allem über Übernahmen und Fusionen reden wollten. Doch dann versiegte das M&A-Geschäft, und vor einem Jahr gab sich die Gruppe den neuen Namen - in Anlehnung an den G-8-Gipfel.

G100, dessen Hauptsitz der mondäne Skiort Aspen im US-Bundesstaat Colorado ist, definiert sich als eine Art Anti-Davos: Zum Weltwirtschaftsforum sei nun mal "jeder eingeladen, der einen Presseausweis oder ein Eckbüro hat", sagt Carey. "Es ist ja faszinierend, neben Jassir Arafat zu stehen, aber für CEOs, die über das operative Geschäft reden wollen, ist das nicht die richtige Umgebung."

Alltagsprobleme: Personalführung, Strategie, Übernahmen

Die Atmosphäre an der Park Avenue ist sehr viel exklusiver. Die Anwesenden lassen sich von Promi-Fotograf Richard Avedon für die Club-Broschüre ablichten und speisen in den eleganten, mit Antiquitäten voll gestellten Räumen. Dabei plaudern sie über ihre Alltagsprobleme: Personalführung, Strategie, Übernahmen. Anwesend sind an diesem Freitag Ende Juni rund 50 Mitglieder.

"CEOs haben selten Gelegenheit zur Fortbildung"

Seit einem Jahr veranstaltet G100 auch die so genannte CEO Academy, immer einen Tag vor der Clubversammlung. Für eine Studiengebühr von 10.000 Dollar bekommen Unternehmenschefs, die weniger als drei Jahre im Amt sind, einen eintägigen Crash-Kurs von Veteranen.

"CEOs haben selten Gelegenheit zur Fortbildung"

"CEOs haben selten Gelegenheit zur Fortbildung", erklärt Lawrence Weinbach, Chef der Softwarefirma Unisys und einer der "Professoren". "In dieser Runde hat niemand Angst, die Hand zu heben und nachzufragen." Unter den 17 handverlesenen "Studenten" sind dieses Mal Lucent-Chefin Patricia Russo und AT&T-Präsident David Dorman.

An beiden Tagen gibt es moderierte Diskussionen zu Themen wie "Globalisierung" und "Humankapital", ähnlich wie in Davos. Ebenso reden externe Referenten: Letztes Jahr war der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt da, heute erzählt Jeff Immelt (Nicht-Mitglied) von den ersten hundert Tagen als General-Electric-Chef.

Doch anders als in Davos gibt es keine Saalmikrofone, die Atmosphäre gleicht eher einer Aufsichtsratssitzung. "Es ist eine großartige Gelegenheit, um Erfahrungen auszutauschen - ohne Outsider, ohne Presse", sagt Weinbach.

"Das Leben an der Spitze ist sehr einsam"

Auch ein Schuss Gruppentherapie ist dabei. "Das Leben an der Spitze ist sehr einsam", sagt Fred Hassan, CEO von Pharmacia. In der kleinen Insider-Runde könnten "die Teilnehmer ihre Seele offen legen".

Wenig überraschend dominiert dieses Jahr ein Thema die Gespräche: Beinahe täglich bringt ein Kollege den Berufsstand in Verruf, in der öffentlichen Wahrnehmung zählen Anlegerbetrug, Bilanzfälschung und persönliche Bereicherung bereits zur Jobbeschreibung des CEOs.

"Einige Egos sind aus der Bahn geraten"

"Der Ruf des CEOs hat gelitten, keine Frage", sagt William Stavropoulos, Chairman des Chemieriesen Dow Chemical und einer der Referenten. Das Thema Corporate Governance stehe deshalb ganz oben auf der Agenda. Neben Manager-Ikone Jack Welch (Nicht-Mitglied) äußert sich auch der Chef der Börsenaufsicht SEC, Harvey Pitt, dazu. Hinter verschlossenen Türen natürlich.

"Einige Egos sind aus der Bahn geraten"

"Es ist im besten Interesse des CEOs, gute Kontrollen innerhalb des Unternehmens zu haben", sagt Stavropoulos. Er räumt ein, dass in den neunziger Jahren "einige Egos aus der Bahn geraten sind". Sie hätten sich von der "imperialen Natur" des Jobs blenden lassen.

Doch man dürfe nicht vergessen, dass es in den USA insgesamt 17.000 CEOs gebe. Er ist überzeugt, dass sich alle Beteiligten bessern werden. "Die Boards werden in Zukunft genauer hinsehen, es wird neue Regeln geben."

Auch Weinbach wirbt um Verständnis. "Niemand von uns findet es gut, was gerade passiert", sagt er. Aber es werde gerade doch "mit einem sehr breiten Pinsel über die CEOs gestrichen".

Einige der Anwesenden zeigen Verständnis für die tief gesunkenen Kollegen. "Man kann sich schon mal in unglücklichen Umständen verfangen", sagt Hassan. "Als CEOs verstehen wir ihre Situation besser."

"Von gescheiterten CEOs lernt man am meisten"

Carey hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, Ken Lay als Gastredner einzuladen. "Von gescheiterten CEOs lernt man am meisten", erklärt er. Er habe Lay angerufen, "und er hat zu meiner Überraschung zugesagt".

Aber dann hätten sie es sich doch anders überlegt. "Was hätte Lay uns sagen können, was er dem Kongress nicht sagen will?" Auch PR-Überlegungen hätten eine Rolle gespielt: "Wir wollten keinen Medienzirkus."

Für G100 steht als Nächstes die Expansion nach Europa an. Ein Büro in Frankfurt gibt es bereits seit drei Jahren. Doch nur sechs der 80 Club-Mitglieder sind Europäer. Darunter sind Preussag-Chef Michael Frenzel und Metro-Chef Hans-Joachim Körber.

"Es ist schwieriger in Europa, weil es keine Networking-Tradition gibt", sagt Carey. "Aber wir werden nicht aufgeben." Die freien 20 Sitze sollen mit Europäern gefüllt werden. Auch die CEO Academy überquert den Atlantik: Die Erste findet im September in London statt. "Program Leader" ist DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp (Nicht-Mitglied).

Langfristig ist auch die Expansion nach Asien geplant. Aber die Mitgliedergrenze bleibt bei 100, sagt Carey. "Wir wollen kein zweites Davos werden."

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