Die Malik-Kolumne Disziplinlosigkeit ist tödliches Gift

Ein Top-Management-Team ist kein Ort individueller oder kollektiver Selbstverwirklichung, sondern ein Zweckbündnis zur Lösung komplexer Aufgaben. Damit Teams effizient arbeiten, brauchen sie vor allem eins: funktionierende Regeln.
Von Fredmund Malik

Funktionierende Teams sind, entgegen der Zeitgeistmeinung, weder durch spezielle Gefühlsdimensionen geprägt noch durch die viel beschworenen "Kulturen", sondern durch Grundsätze und Regeln, auf die man sich geeinigt hat, und an die man sich hält. Wo immer man ein Versagen eines Managementteams genauer untersucht, zeigt sich, dass die Ursachen in der Unkenntnis dieser Tatsache liegt.

Erster Grundsatz ist, dass die Aufgaben klar sein müssen, die es zu erfüllen gilt. Ein Team ist weder ein Ort individueller oder kollektiver Selbstverwirklichung noch ein solcher des demokratischen Konsensdiskurses, wie manche das zu formulieren belieben. Teams braucht man dort, wo Aufgaben jenes Typs zu erfüllen sind, die die Kraft und Fähigkeiten von Einzelnen übersteigen. Sonst benötigen wir sie nicht und können uns die ganzen Umständlichkeiten ersparen, die mit Teams immer verbunden sind.

Eine Geschäftsordnung ist nötig

Der zweite Grundsatz ist, dass wirksame Teams eine präzise Arbeitsteilung haben müssen. Die Aufgaben werden zwar koordiniert erfüllt, aber nicht im engeren Sinne gemeinsam. Jeder erledigt seinen Teil der Aufgabe, alle anderen müssen wissen, was das ist und müssen sich darauf verlassen können. Daher findet man in guten Teams durchdachte und präzise formulierte Geschäftsordnungen oder deren Pendants, in denen geregelt ist, wer was zu machen hat.

Jedes Team arbeitet und spricht für sich

Der dritte Grundsatz arbeitsfähiger Teams ist rasch formuliert: es ist strikte Disziplin. Er ist in den beiden anderen schon enthalten, kann aber gar nicht deutlich genug gemacht werden. Disziplinlosigkeit ist tödliches Gift für jede Art von Team, und zwar nicht nur im Management.

Jedes Team arbeitet und spricht für sich

Nebst diesen Grundsätzen befolgt man in funktionsfähigen Teams ein paar Regeln. Es sind deren sechs. Erstens hat jedes Mitglied eines Topmanagement-Teams in seinem Verantwortungsbereich das letzte Wort, spricht für und verpflichtet das ganze Team.

Elementare Entscheidungen werden gemeinsam getroffen

Zweitens trifft keiner eine Entscheidung in einem anderen Verantwortungsgebiet. Diese beiden Regeln bedingen und ergänzen sich gegenseitig. Sie schaffen Klarheit und Geschwindigkeit und garantieren die Handlungsfähigkeit. Verstöße gegen diese zwei Regeln stiften nicht nur hoffnungslos Konfusion in einer Organisation und paralysieren ihre Effektivität, sondern führen auch unweigerlich zu Machtkämpfen.

Elementare Entscheidungen werden gemeinsam getroffen

Nach außen neutral, auch wenn es innen brodelt

Drittens: Bestimmte Entscheidungen müssen dem Team als Ganzes vorbehalten sein. Diese Regel ist die Sicherung gegen den Missbrauch der ersten beiden Regeln, die ohne ein Korrektiv zu feudalen Fürstentümern innerhalb einer Organisation führen und zum Zerfall des Teams. Schnelligkeit und Handlungsfähigkeit sind wichtig, aber sie müssen in den Dienst des Ganzen gestellt sein. Daher dürfen gewisse Entscheidungen von niemandem allein getroffen werden. Sie benötigen die Zustimmung aller. Typische Fälle sind etwa Akquisitionen und Allianzen, große Innovationen oder kritische Personalentscheidungen.

Nach außen neutral, auch wenn es im Team brodelt

Alle müssen über alles informiert werden

Die vierte Regel ist, dass es außerhalb des Teams keinerlei Qualifikation von Teammitgliedern durch andere Mitglieder gibt. Die Mitglieder eines Teams brauchen sich nicht zu mögen. Es darf aber keinerlei Agitation geben. Diese Regel gilt nach außen. Innerhalb eines Teams mag es heftige Auseinandersetzungen geben. Das ist kaum zu vermeiden, wenn es um lebenswichtige und riskante Entscheidungen für das Ganze geht. Nach außen hat man aber zu seinen Kollegen keine Meinung, man qualifiziert sie nicht – nicht einmal durch Lob.

Alle müssen über alles informiert werden

Im Zweifelsfall entscheidet der Teamleiter

Die fünfte Regel: Jedes Teammitglied ist verpflichtet, alle anderen Mitglieder über alles informiert zu halten, was in seinem Verantwortungsbereich vor sich geht. Auch das ist ein Korrektiv zu Regel eins. Wenn schon autonome Entscheidungsbefugnis in jedem Verantwortungsbereich, dann muss es auch volle Information an alle anderen geben.

Im Zweifelsfall entscheidet der Teamleiter

Sechstens, ein Team ist kein Komitee; daher braucht es einen Leiter, einen Vorsitzenden. Teams haben nichts mit Demokratie, dafür umso mehr mit Wirksamkeit zu tun. Man ist Mitglied eines Teams nicht um sich wohl zu fühlen, sondern um einen Beitrag zu leisten. Der Teamleiter hat auf strikte Einhaltung von Grundsätzen und Regeln zu achten und im Falle von Pattstellungen muss er die Entscheidungsfähigkeit des Teams sicherstellen können. Daher braucht er ein Entscheidungsrecht, an dessen seltenem Einsatz man den guten Teamleiter erkennt.

Wenn diese Grundsätze und Regeln eingehalten werden, ist die ständig zitierte "Chemie" weitgehend bedeutungslos. Ist sie in Ordnung, umso besser; wenn nicht, haben wir trotzdem ein funktionsfähiges Team – nicht wegen der "Chemie", sondern wegen der Regeln. Kein vernünftiger Mensch überlässt eine Organisation den Zufälligkeiten der "Chemie".

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