Stephan Kessel Zurück aus dem Zwangsurlaub

Die Autobahn befährt Stephan Kessel am liebsten auf der Überholspur. Als Lenker der Continental AG wurde er im vergangenen Herbst abrupt ausgebremst. Ab sofort will der 48-Jährige für die arabisch-angelsächsische Investcorp vernachlässigte Unternehmen aufpäppeln.
Von Jochen Eversmeier

Hannover/Hamburg - Auf einem Segelschiff, irgendwo bei Korsika, genießt er beim Telefontermin das schöne Wetter, seinen frisch erworbenen Sportskipperschein und die letzten Tage seines "Sabbaticals", wie Stephan Kessel es selbst formuliert. Vor zehn Monaten, Anfang September 2001, war er als Chef des Autozulieferers Continental AG , Hannover, von heute auf morgen in die Freizeit entlassen worden.

Unfreiwillig. Denn Kessel hatte es sich im Ringen um Zuständigkeiten und Strategie mit seinem Amtsvorgänger und Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg verdorben. Kessel wollte die Gummi-Tochter Contitech - die unter anderem Dichtungen und Förderbänder produziert - verkaufen und rasch den Wandel vom grauen Reifen- zum automobilen Systemhersteller vorantreiben. Von Grünberg hielt an Contitech fest, aber nicht länger an Kessel und sorgte Knall auf Fall für die Entlassung seines einstigen Zöglings (siehe: "Gerangel um Kompetenzen").

Liebe auf den zweiten Blick

Mit Kaufen und Verkaufen wird sich Kessel auch in seiner neuen Profession beschäftigen. Als Advisory Director für Europa arbeitet der promovierte Chemiker ab sofort für die arabisch-angelsächsische Beteiligungsfirma Investcorp, die sich mit vielbeachteten Private-Equity-Geschäften einen Namen gemacht hat und nun in Deutschland aktiver werden will. Für den Finanzinvestor soll Kessel vernachlässigte Unternehmen, so genannte "Sleeping Beautys", aufspüren und bestehende Beteiligungen wie die ehemalige Viag-Tochter Gerresheimer Glas (Kurswerte anzeigen) für den gewinnbringenden Wiederverkauf, den "Exit", fit machen.

"Zunächst habe ich ablehnend reagiert und im Bereich Automotive gesucht", beschreibt Kessel den ersten zarten Kontakt zu Investcorp, der über einen Investmentbanker im November 2001 entstand. Seit Jahresanfang folgte eine "sehr fruchtbare Phase" (Kessel), in der sich der Reifenmann einen Überblick über die Private-Equity-Branche verschaffte und bereits projektweise für die Beteiligungsgesellschaft aktiv war. Überzeugt habe ihn schließlich, dass sich Investcorp mit erfolgreicher Weiterentwicklung und Wertsteigerung von Unternehmen einen Namen gemacht habe, sagt Kessel.

Mit seiner knapp 20-jährigen Industrieerfahrung soll er nun Beteiligungen bewerten, diese profitabler machen und dazu Kontrollaufgaben in Gesellschaften des Investcorp-Portfolios übernehmen. So wird Kessel voraussichtlich im August in den Aufsichtsrat von Gerresheimer Glas einziehen und in gleicher Funktion bei dem niederländischen Unternehmen Stahl in Waalwijk, einem Hersteller von Spezialchemikalien für die Lederindustrie, tätig werden.

Deutschlands Mittelständler im Visier

Deutschlands Mittelständler im Investcorp-Visier

Außerdem will der Porsche-911-Fahrer - "Ich überhole gern, habe aber null Strafpunkte" - Investcorp in Deutschland voranbringen. Die Investmentpläne zielen dabei auf große Mittelständler und das Geschäft mit Spin-offs, den Verkauf einzelner Unternehmensteile von Industriekonzernen. Dabei wird sich Kessel, wie alle anderen Partner auch, mit eigenem Kapital an den Investcorp-Portfolios beteiligen. Für die Bundesrepublik erwartet er eine Belebung des Private-Equity-Geschäfts, unter anderem durch die Entflechtung der Deutschland AG.

Den Verdacht, dass es sich bei seinem neuen Job lediglich um einen Zwischenschritt auf dem Weg zurück auf die Kommandobrücke eines Konzerns handeln könnte, weist der frisch gebackene Finanzinvestor energisch zurück. "Das ist meine Zukunft. Ich will kein Jobhopping betreiben", sagt Kessel über seine neue Berufung. "Es ist viel faszinierender, eine Wertsteigerung als Mitbesitzer zu gestalten. Vorstandschefs sind lediglich Angestellte."

"Lieber Mitbesitzer als Angestellter"

Für schnelle Wechsel abseits der Bundesautobahnen ist Kessel tatsächlich nicht bekannt. "Eine japanische Karriere", nennt er seinen beruflichen Werdegang. 1985 schloss er das Studium der Chemie an der Universität Aachen mit dem Doktortitel ab, fing bei Continental an - und blieb dort; in verschiedenen Führungspositionen, seit 1997 als Vorstandsmitglied. Seit 1999 führte er, nun als Konzernchef, den bereits von seinem Vorgänger von Grünberg begonnen Umbau zum Systemlieferanten fort, integrierte den Zulieferer Tevis (Bremsen, Fahrwerke) und holte Temic (Elektronik) zu Conti.

Diese kombinierten Erfahrungen im operativen und im Akquisitionsgeschäft, da ist sich Kessel sicher, werden ihm nun als Investcorp-Berater nützen. Organisatorisch wird er Mitglied des 33-köpfigen globalen Corporate-Investment-Teams, dessen Kernteam für Europa - unter Leitung des ehemaligen Diageo-Finanzchef Philip E. Yea - in London sitzt. Um den Kontakt zu seinen Kollegen an der Grosvenor Street im eleganten Mayfair-Quarter zu halten, wird Kessel zum Pendler. Offizieller Dienstsitz ist zwar sein Wohnort Hannover, aber zwei Tage pro Woche wird er in der britischen Hauptstadt arbeiten. Für diesen neuen Dienstweg werden dem Liebhaber schneller Autos seine Überholkünste nur wenig nützen.

Private Equity: Teure Lektion


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