Qwest Die Rezession frisst ihre Kinder

Joseph Nacchio, Chef einer der größten Kabelbetreiber Amerikas, nimmt seinen Hut. Auch er scheiterte an dem Irrtum, dass die Telekom-Industrie auf ewiges Wachstum abonniert sei. Das Mitleid der Aktionäre hält sich in Grenzen.

Denver - Joseph Nacchio war stets ein temperamentvoller Manager. Anfangs half ihm das, Anleger für die Qwest-Aktie zu begeistern, einen der High Flyer der neunziger Jahre. Am Ende wurde es zur Belastung. Im Herbst soll Nacchio bei einer Telefonkonferenz für alle hörbar die Beherrschung verloren haben. Analysten hatten ihn mit beharrlichen Fragen über die Umsatzzahlen zur Weißglut getrieben.

Eben jene Gerüchte und eine Untersuchung durch die Wertpapieraufsicht SEC sind es wohl, die den Top-Verdiener seinen Job kosteten. Einer Qwest-Mitteilung zufolge ist Nacchio zwar freiwillig aus dem Amt geschieden. Er selbst bekundete, er wolle nach "fünfeinhalb aufreibenden Jahren mehr Zeit mit meiner Familie verbringen". US-Zeitungen berichten indes, Nacchio sei vom Verwaltungsrat aus dem Amt gedrängt worden.

Durchaus glaubhaft, denn noch im Herbst hatte Nacchio seinen Vertrag bis 2005 verlängert. In einem ersten "Nachruf" schreibt "The Street", die Jahre des Großmaul-Gehabes seien beim Konzern mit Sitz in den Rocky Mountains vorüber. Die Qwest-Aktie vollführte im frühen New Yorker Handel am Montag einen Jubelsprung und und schoss um über 16 Prozent in die Höhe.

Auf ewiges Wachstum abboniert

Wie sein WorldCom-Kollege Bernie Ebbers personifizierte Nacchio in den neunziger Jahren die Chancen einer Telekom-Industrie, die auf ewiges Wachstum abonniert schien. Von rund zehn Dollar im Jahr 1997 schoss der Qwest-Aktienkurs auf über 60 Dollar Anfang 2000 empor. Mit der 20-Milliarden-Übernahme der mächtigen Lokalgesellschaft US West, Nacchios größtem Coup, stieg der kleine, effiziente Glasfaser-Spezialist aus Denver abrupt zum viertgrößten Ferngesprächsanbieter der USA auf.

Mit "klugen Manövern" Bilanzen geschönt

Doch der Crash kam noch schneller als der Aufstieg, und Nacchio fiel es schwer, sich damit abzufinden. Seit Juli 2000 hat die Qwest-Aktie 92 Prozent ihres Wertes verloren. Die Schulden von 26,6 Milliarden Dollar sind um sechs Milliarden Dollar höher als die letzten Jahresumsätze, im vergangenen Jahr strich Qwest 17.000 Stellen. Zuletzt mühte sich der gebürtige New Yorker, einen Käufer für die Branchenbuchsparte "Yellow Pages" zu finden, einen wichtigen Gewinnbringer. Der europäische Netzwerk-Anbieter KPNQwest, im Joint Venture mit der niederländischen KPN betrieben, rutschte jüngst in die Insolvenz.

Mit "klugen Manövern" Bilanzen geschönt

Zur Branchenkrise kamen Berichte über halbseidene Geschäftsmethoden. Wie Top-Manager bei den Bankrott-Unternehmen Enron und Global Crossing soll Nacchio durch leere Tauschbuchungen Geschäftszahlen manipuliert haben. Qwest mietete dabei von Konkurrenten Kapazitäten auf Telefonkabeln an. Der Konkurrent kaufte Kapazitäten für einen ähnlichen Preis zurück.

An den Bargeld-Beständen der Partner änderte das zwar nichts. Beide aber konnten den Verkauf sofort als Umsatz verbuchen, den Kauf als Investition über einen Zeitraum von vielen Jahren abschreiben. Mit derlei Drehtür-Geschäften machte Qwest 2001 eine ganze Milliarde Dollar Umsatz. Nacchio verteidigte sie als "kluge Geschäftsmanöver".

Richard Notebaert, Chef des Netzwerk-Providers Tellabs und früherer Boss beim Telekommunikationsunternehmen Ameritech, soll Nacchios Posten übernehmen. Qwest-Gründer Philip Anschutz, einer der exzentrischsten Milliardäre der USA, bleibt im Verwaltungsrat, gibt aber dessen Vorsitz ab.

Platz elf im Ranking der Spitzenverdiener

In Armut leben muss Nacchio, zuvor Manager bei AT&T, trotz des unrühmlichen Abgangs nicht. Seit er den CEO-Posten in Denver annahm, hat er laut US-Medienberichten durch Ausübung von Aktienoptionen und Aktienverkäufe 300 Millionen Dollar verdient. Noch im vergangenen Jahr, als sich die Talfahrt beschleunigte, soll er ein Gehalt von 1,2 Millionen, Bonus-Zahlungen von 1,5 Millionen und weitere Sondervergütungen von 24 Millionen Dollar eingestrichen haben.

Im Jahr 2000 verdienten laut "Business Week" nur zehn US-Manager noch mehr als der Schuldenmacher aus dem Westen. Geblieben sind Nacchio auch seine Aktienoptionen. Wenn seine Nachfolger den Qwest-Aktienkurs um zehn Prozent nach oben treiben, schreibt das "Wall Street Journal" - dann verdiene Nacchio weitere 194 Millionen Dollar.