Mobbing Keine Dolchstoßlegende

Jeder neunte Deutsche wird an seinem Arbeitsplatz Opfer von Schikanen. Neid und Missgunst machen Hunderttausenden zu schaffen und haben gravierende Folgen für die Wirtschaft. Besonders betroffen sind Manager, Frauen und junge Beschäftigte.

Berlin - Mehr als zehn Prozent aller Deutschen werden mindestens einmal in ihrem Leben gemobbt. Das geht aus der ersten repräsentativen deutschen Studie hervor, die das Bundesarbeitsministerium am Dienstag in Berlin vorstellte. Beschäftigte unter 25 Jahren sind demnach am meisten gefährdet. Frauen tragen ein um 75 Prozent höheres Risiko als Männer. In sozialen Berufen (Erzieher, Sozialarbeiter, Altenpfleger) ist der Terror am Arbeitsplatz am weitesten verbreitet.

"Die Studie liefert zum ersten Mal gesicherte und repräsentative Daten für eine sachliche Diskussion. Mobbing wurde bisher oft als Hirngespinst von wenig angepassten Kollegen gesehen", sagte die parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Ulrike Mascher.

Zur Zeit leiden laut dem "Mobbing-Report" 2,7 Prozent der Beschäftigten oder 800.000 Arbeitnehmer in Deutschland, unter Schikanen und Quälereien im Job. Für ihre Erhebung befragte die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von November 2000 bis November 2001 in Dortmund 4.396 Menschen. Unter ihnen fanden sich 495 Mobbing-Betroffene. Als Hauptmotive für ihre erlittenen Schikanen nannten die Gemobbten Konkurrenz, Neid, unerwünschte Kritik und Spannungen mit Vorgesetzten.

Hilfe für gemobbte Manager

"Die wenigsten hatten das Gefühl, dass man sie wegen ihrer schlechten Leistungen loswerden wollte - eher im Gegenteil", erläuterte Meschkulat. Dennoch endete das Mobbing für 52 Prozent der Opfer mit Kündigungen oder Auflösungsverträgen. 43,9 Prozent der Betroffenen erkrankten, und fast sieben Prozent blieben erwerbsunfähig oder mussten Frührente beantragen.

Hilfe für gemobbte Manager

Das Angebot der Fairness-Stiftung , die der Philosoph und Sozialwissenschaftler Norbert Copray im Mai 2000 in Frankfurt am Main gründete, richtet sich vornehmlich an Führungskräfte, die mit einer speziellen Art des Mobbings zu kämpfen haben.

"Je höher man in der Hierarchie steht, desto größer ist die Vereinsamung", weiß Copray aus langjähriger Erfahrung. Es gibt keinen Manager in einer höheren Position, der Probleme regelt, niemanden, an den man sich wenden kann. Der Partner ist immer auch der Konkurrent, und irgendwann sei nicht mehr klar, wer Feind und wer Freund ist. Viele kleine Kränkungen summierten sich auf diese Weise zu einem großen Trauma "wie die Sonneneinstrahlung auf der Haut".

In der Stiftung kümmern sich vier feste und über vierzehn freie Mitarbeiter um die Belange der Führungskräfte. Anonym, versteht sich, und finanziert durch Spenden: "Wenn wir eine Rechnung stellen würden, wäre die Anonymität weg", erläutert Copray.

Keine neuen Gesetze

Die Bundesregierung setzt im Kampf gegen das Mobbing nicht auf ein Schutzgesetz nach dem Beispiel Frankreichs oder Schwedens, sondern auf verstärkte Aufklärung in den Betrieben. "Mit strafrechtlichen Sanktionen erreicht man nur die dramatischen Fälle, aber nicht den alltäglichen Mobbing-Ärger", meinte Mascher.

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) warnt vor neuen Gesetzen. "Jeder kann sich erfolgreich gegen Mobbing wehren", sagte der Mobbingexperte der BDA, Thomas Prinz, gegenüber dem "Handelsblatt".

So habe der Arbeitgeber eine gesetzlich verankerte Fürsorgepflicht, müsse also Beschwerden über Mobbing durch Kollegen oder Vorgesetzte nachgehen. Das Betriebsverfassungsgesetz gebe dem Betriebsrat weitgehende Rechte. In extremen Fällen könne er vom Arbeitgeber verlangen, die mobbenden Kollegen zu kündigen.