Tyco Ende à la Enron

Dennis Kozlowski, Ex-Chef von Tyco, ist Opfer seiner eigenen Gier geworden. Während seinem Firmen-Konglomerat der Zerfall droht, sammeln Steuerfahnder neue Indizien gegen den Konzernherren, der Geschäft und Privates auf dubiose Weise verband. Nun wurde Anklage erhoben.

Exeter/Bermuda - Für einen Mann, der noch Anfang des Jahres als aggressivster Konzernchef der USA galt, war es eine bemerkenswert wehmütige Rede. Vor zwei Wochen, der Staatsanwalt verdächtigte ihn schon der Steuerhinterziehung, sprach Dennis Kozlowski vor Studenten einer kleinen Uni in Neuengland über Karriere, Führung und Moral. Viele seiner Zuhörer, bemerkte er, würden eines Tages vor Fragen stehen, die "eure moralische Integrität auf die Probe stellen. Quälende Fragen, die immer schwieriger und in ihren Konsequenzen gravierender werden."

Achtsamen Zuhörern war klar: Der Mann, der mit Hunderten Zukäufen eines der größten Firmenkonglomerate der USA zusammenpuzzelte, hat seinen titanischen Erfolgsdrang verloren. Nichts blieb mehr von der Hybris, mit der Kozlowski noch ein Jahr vorher Reporter der "Business Week" in den Bann gezogen hatte: Er wolle seinen Mischkonzern Tyco zum "nächsten General Electric" aufbauen, erzählte Kozlowski ihnen, und zugleich Investment-Guru Warren Buffett nacheifern. Im Januar 2002, nach dem Enron-Skandal, rechnete "Business Week" Kozlowski weiter zu den "25 Top Managers" weltweit.

Chef mit Rockstar-Allüren

Nach seinem Abtritt bei Tyco geht der bullige Mittfünfziger ganz anders in die Management-Annalen ein: Als Beweis dafür, dass die Selbstüberschätzung und Gier der Internet-Epoche Ende der neunziger Jahre auch die Old Economy infiziert hat. Wie Bernie Ebbers von WorldCom hat Kozlowski seinen Konzern in wenigen Jahren an die Spitze geführt und in Monaten fast völlig diskreditiert. Wie Ebbers war er ein CEO mit Rockstar-Allüren, dessen Konzern ohne ihn kaum überlebensfähig scheint. In einem jedoch hebt sich Ebbers von Kozlowski ab: Sein Sturz wird kein Nachspiel vor Gericht haben.

Der reich gewordene Kleinbürger Kozlowski hat sein Leben lang Besitztümer angehäuft, und das wurde ihm doppelt zum Verhängnis. Wie viele CEOs hat er in den neunziger Jahren Hunderte von Unternehmen aufgekauft, den Industriekonzern Tyco in fremde Geschäftsfelder wie Informationstechnologie, Gesundheit und Finanzdienstleistungen geführt. Halb spöttisch, halb respektvoll nannte die Wall Street ihn "Deal-a-Month-Dennis". Nun verdächtigen Börsianer ihn, Verluste, Schulden und Ausgaben nicht korrekt verbucht, dafür Gewinne übertrieben zu haben.

Mein Haus, meine Yacht, meine Harley

Endgültig zu Fall gebracht hat ihn aber seine Leidenschaft für Gemälde. Der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Robert Morgenthau beschuldigt Kozlowski in einer am Dienstag veröffentlichten Anklage, beim Bilderkauf alle erdenklichen Tricks genutzt zu haben, um über eine Million Dollar Umsatzsteuer zu hinterziehen. Angeblich ließ der Ex-Tyco-Chef Alte Meister und Impressionisten, die er in New York erwarb, von Händlern erst aus dem Staat schaffen, um sie dann prompt in sein 13-Zimmer-Apartment in der Fifth Avenue in Manhattan zu bringen. So soll er unberechtigterweise ausgenutzt haben, dass Bürger, die nicht in New York leben, dort auch keine Umsatzsteuer zahlen.

Mein Haus, meine Yacht, meine Harley

Zum Teil hat Kozlowski angeblich sogar leere Pakete verschickt, um den Schein zu erwecken, dass der wertvolle Wandschmuck - darunter ein Monet und ein Renoir - den Staat verlässt. Als Lieferadresse soll er dabei den Tyco-Firmensitz in New Hampshire genutzt haben, Tyco-Mitarbeiter mussten den Ermittlern zufolge teilweise manipulierte Empfangsbescheinigungen unterschreiben. Die Fahnder glauben sogar, dass Kozlowski einige der Gemälde mit Stückpreisen von bis zu vier Millionen Dollar mit Unternehmensgeldern bezahlt hat. Der Tyco-Aufsichtsrat war nach Informationen des TV-Senders CNBC völlig überrumpelt und schockiert von der Schwere der Vorwürfe.

Mit seiner Steuerknauserei hat der Multimillionär Kozlowski nicht nur sich selbst geschadet. 1997 hat er Tycos juristischen Sitz auf die Bermudas verlagert. So drückte er die Abgaben auf ein Niveau, um das ihn andere amerikanische Großkonzernen beneiden. Nach Informationen des "Wall Street Journal" brachte ihm das erst recht den Zorn der Steuerfahnder ein. Um ihn zu verteidigen, hat der Ex-Manager nun Stephen Kaufman verpflichtet, einen der besten Wirtschaftsanwälte New Yorks. Er hat schon die Gefängnisstrafen herunterverhandelt, zu denen die Immobilienzarin Leona Helmsley und der Junk-Bond-Trickser Michael Milken veurteilt wurden. Bisher beteuert Kozlowski weiter seine Unschuld.

Rien ne va plus

Weil Kozlowski offiziell zurückgetreten ist und nicht gefeuert wurde, hat er offenbar sein vertragliches Recht auf eine 100-Millionen-Dollar-Abfindung verwirkt. Das Tyco-Management werde nun neu über die Abfindung verhandeln, heißt es. Anders als Ebbers, der sich privat immens verschuldet hat, steht Kozlowski aber wohl nicht vor dem persönlichen Bankrott.

In den vergangenen drei Steuerjahren hat er dem "Wall Street Journal" zufolge 97 Millionen Dollar in bar, Aktien oder anderen Auszahlungen von Tyco erhalten. Durch Ausübung von Aktienoptionen soll er weitere 240 Millionen eingestrichen haben. Tyco hat sich laut "New York Times" zudem verpflichtet, die Prämien für Kozlowskis üppige Lebensversicherung weiter zu zahlen. Kozlowski soll drei Harley-Davidson-Maschinen besitzen, Immobilien in New York, Florida, New Hampshire und auf Nantucket, und die berühmte Yacht "Endeavour", die aus den dreißiger Jahren stammt. Wie kein anderer, schrieb die "New York Times", personifiziert er eine Zeit, in der bei Vorstandsgehältern galt: Alles ist möglich.

Kozlowski hat manchen Skandal-CEO überlebt, aber nicht lange. Ebbers ist im April gefallen, Enron-Chef Kenneth Lay hat sich schon zum Jahresende diskreditiert. Dynegy-Boss Chuck Watson stürzte vergangene Woche über den Vorwurf, er habe Luftbuchungen bei dem Energiekonzern und Enron-Konkurrenten gebilligt. John Rigas vom Kabelnetzkonzern Adelphia verlor seinen Job, weil er offenbar Kredite aus der Firmenkasse aufnahm. Wer ist der Nächste? Während die Tyco-Aktie am Dienstag zur Eröffnung an der Wall Street erneut verlor, dürfte in mancher US-Chefetage Panik ausgebrochen sein. Wenn Kozlowski fallen konnte, ist keiner mehr sicher.

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