General Electric "Ich hasse unseren Aktienkurs"

Am zehnten September vergangenen Jahres trat Jeffrey R. Immelt sein Amt als Nachfolger der Management-Legende Jack Welch an. Heute macht es den Eindruck, als wäre das Datum seiner Vorstandspremiere ein böses Omen gewesen.

Jeffrey R. Immelt war Wunschnachfolger des ehemaligen GE-Vorstands Jack Welch. Würde man die Management-Legende heute fragen, wäre er es wahrscheinlich immer noch. Denn sowohl Jack als auch Jeff verbindet eine lange Karriere und eine gemeinsame Vergangenheit bei General Electric  , dieselbe Heimat Ohio und die Fähigkeit, streng mit Führungskräften umzugehen.

Nach den Gemeinsamkeiten der Vergangenheit hören die Parallen jedoch abrupt auf. Auch wenn Jeff ebenso wie Jack an GE glaubt - GE scheint nicht an Immelt zu glauben. Einen Tag nach Immelts Einstand erschütterten die Terroranschläge Amerika und seine Wirtschaft. Wegen Verlusten in der Rückversicherungssparte nach den Anschlägen musste GE die Wall Street zum ersten Mal seit mehreren Jahren davor warnen, dass die Gewinne nicht den Erwartungen entsprechen würden.

Enron und die Folgen

Drei Monate später erschütterte dann die Pleite des Energiehandelsriesen Enron das Vertrauen der Anleger. GE, ein komplexer Gigant mit einem Jahresumsatz von 126 Milliarden Dollar und Geschäft in so unterschiedlichen Branchen wie Flugzeugmotoren, medizinischem Gerät, Haushaltsgeräten, Kraftwerksturbinen und Fernsehen, konnte sich dem Sog nicht entziehen - auch wenn das Unternehmen unter der Ägide von Jack Welch ein Liebling der Investoren war.

Jack Welch hat andere Sorgen

Denen muss Immelt plötzlich erklären, ob die Gewinne nicht etwa mit Bilanztricks manipuliert worden sind. Sie trauen auch einem Spitzenkonzern wie GE nicht mehr, der seinen Gewinn bisher jedes Jahr um mehr als zehn Prozent steigerte.

"Wir befinden uns mitten in einem Vertrauensverlust"

"Wir befinden uns gerade inmitten eines unglaublichen Strudels. Wir befinden uns mitten in einem echten Vertrauensverlust", sagte Immelt Mitte März im Fernsehsender CNBC, einer Tochtergesellschaft von GE. Das Interview im Haussender war Teil einer für GE ungewohnten Kommunikations-Gegenoffensive. Ein sichtlich engagierter und zeitweise frustriert wirkender Immelt wurde nicht müde, die Marktführerschaft der einzelnen Geschäftsbereiche zu betonen.

Denn seit Anfang des Jahres ist der Kurs um rund 25 Prozent gefallen - ein massiver Verlust für das Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung der Welt. Mit jedem Dollar, den der GE-Kurs fällt, werden rund 10 Milliarden Dollar Börsenwert vernichtet. "Ich hasse unseren derzeitigen Aktienkurs", umriss Immelt auf einer Analystenkonferenz seine Haltung zu einer Entwicklung, der er offensichtlich machtlos gegenübersteht.

Jack Welch hat andere Sorgen

Eines indes kann Immelt vielleicht trösten. Sein Mentor Jack Welch ist nicht weniger unter Druck, wenngleich aus einem anderen Grund. Eine Affäre brachte seine Ehe zum Scheitern. Seine Frau, eine ehemalige Anwältin, reichte die Scheidung ein und fordert nun die Hälfte seines Vermögens. Welchs Geliebte kommt aus dem Berufsstand, der Immelt derzeit Schwierigkeiten macht. Sie ist Journalistin.