Fifa "Zwischen Pest und Cholera"

Am 29. Mai wird der kommende Fifa-Präsident gewählt. Im Vorfeld spitzt sich die Schmutzkampagne zwischen dem amtierenden Präsidenten Sepp Blatter und Herausforderer Issa Hayatou sowie Fifa-Generalsekretär Zen-Ruffinen weiter zu.

Zürich - Joseph Blatter hat im Kampf um seine Glaubwürdigkeit und Wiederwahl zum großen Gegenschlag ausgeholt und zudem die Justiz eingeschaltet. Mit seinem 33 Seiten umfassenden Dossier, das er rechtzeitig vor den Neuwahlen am 29. Mai in Seoul an die 204 Mitgliedsverbände verschickt hatte, setzt sich der Präsident des Fußball-Weltverbandes FIFA umfassend und entschlossen gegen die von Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen erhobenen Anschuldigungen zur Wehr.

Außerdem reichte er eine Verleumdungsklage gegen den ehemaligen FIFA-Schiedsrichter und Juristen ein, der ihm Korruption, Betrug, Vetternwirtschaft, Amtsmissbrauch und finanzielles Missmanagement vorgeworfen hat. "Wer Anschuldigungen macht, die er nicht beweisen kann, muss ins Gefängnis", sagte Blatter am Montag bei einer Pressekonferenz in der neuseeländischen Hauptstadt Auckland, Zwischenstopp auf dem Weg zum Ozeanien-Kongress in Tonga. Zen-Ruffinen indes nahm nichts zurück. "Ich stehe zu den von mir gemachten Äußerungen", sagte er der Schweizer Zeitung "Blick".

Schweres Geschütz

Blatters Antwort auf die "diffamierenden Angriffe", wie er Zen-Ruffinens Auftritt am 3. Mai vor dem Exekutivkomitee bezeichnete, kommt spät, aber gewaltig. Unter der Überschrift "Klarstellung" widerlegt er aus seiner Sicht Punkt für Punkt die 61 Vorwürfe und zeichnet überdies ein vernichtendes Bild von seinem Schweizer Landsmann.

Der vor vier Jahren zum Generalsekretär und geschäftsführenden Direktor aufgestiegene Zen-Ruffinen habe sich als glatte Fehlbesetzung entpuppt. Ihm fehle der betriebswirtschaftliche Durchblick, er verwechsle Dollar mit Franken, er kenne nicht einmal die (selbst abgesegnete) Organisationsstruktur, er befolge eigene Konzepte nicht, begünstige eigene Mitarbeiter und nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. "Sie werden", schreibt Blatter, "nach dem Studium meines Papiers feststellen, dass mich meine Argumente entlasten, sich die Vorwürfe als falsch und haltlos herausstellen und auf ihre Urheber, vor allem auf den Generalsekretär, zurückfallen."

Geldgeschenke ja - Korruption nein!

In der Tat offenbart die auf der FIFA-Homepage veröffentlichte Replik von Blatter, dass Zen-Ruffinens Anschuldigungen auf recht tönernen Füßen stehen. Vor allem die beiden schwerwiegenden Vorwürfe der Korruption erscheinen nun in einem anderen Licht. Im Fall des Schiedsrichters Lucien Bouchardeau aus Niger, den Blatter bestochen haben soll, präsentiert der 66-Jährige mit FIFA-Direktor Walter Gagg gar einen hochkarätigen Augen- und Entlastungszeugen. Blatter habe, so Gagg in einer schriftlichen Erklärung, dem offenbar in Not geratenen Referee als "humanitäre Geste" einen Scheck von seinem Privatkonto ausgestellt. Dies entspreche "in keiner Art und Weise einem Korruptionsversuch".

Auch Zen-Ruffinens zweiter Vorwurf, der russische Verbandspräsident Wjatscheslaw Koloskow habe Schmiergelder in Höhe von 100 000 Dollar erhalten, dürfte vor Gericht kaum Bestand haben. Blatter räumt zwar als Formfehler ein, dass er die Finanzkommission über die Zahlungen nicht informiert habe. Allerdings war Zen-Ruffinen selbst von Blatter eingeweiht worden, dem Russen als Kontaktmann nach Osteuropa die Summe zukommen zu lassen - Zen-Ruffinen hatte sogar den Scheck unterzeichnet.

In nahezu allen Fällen weist Blatter die Anschuldigungen Zen-Ruffinens als falsch, haltlos oder irreführend zurück. Nur in einem Punkt gibt er dem 43-jährigen Geschäftsführer Recht: "Ja, ich habe in die operative Geschäfte eingegriffen. Ich war in vielen Fällen dazu gezwungen, im Interesse der FIFA und ihrer Verbände." Weil Zen-Ruffinen nicht in der Lage gewesen sei, die wirklichen Probleme in der FIFA zu erkennen und zu lösen, habe er die Initiative übernommen und den Schaden aus ISL-Konkurs, KirchMedia-Insolvenz und den Folgen der Terroranschläge vom 11. September eingegrenzt.

"Das Haus der Fifa brennt"

"Erfolgreiches Krisenmanagement als 'Missmanagement und Fehlorganisation' zu bezeichnen, zeigt, dass hinter dem Vorwurf reine Polemik steckt", schreibt Blatter bilanzierend. Mit seinen Kritikern geht er hart ins Gericht. "Zurzeit brennt das Haus der FIFA. Nach Lesen dieses Dokuments werden Sie wissen, wer das Feuer gelegt hat", schreibt Blatter. Und weiter: "Diese Rufmordkampagne ist ein bizarrer, unverständlicher und einmaliger Vorgang, der dem Fußball großen Schaden zufügt."

Blatter scheint damit am Pfingstwochenende ein Befreiungsschlag nicht nur gegen Zen-Ruffinen, sondern auch gegen seinen Herausforderer Issa Hayatou gelungen. Der Kameruner hatte am 10. Mai gemeinsam mit zehn weiteren Mitgliedern der FIFA-Exekutive vor einem Züricher Gericht Strafanzeige gegen Blatter wegen Veruntreuung und Amtsmissbrauch eingereicht und sich dabei allein auf das Zen-Ruffinen-Dossier berufen. Hayatou blieb eine Antwort am Pfingstwochenende schuldig. Zen-Ruffinen meinte indes: "Ich stelle fest, dass Herr Blatter die ganze Maschinerie der FIFA zu seinen Gunsten braucht."

Angesichts der gegenseitigen Beschuldigungen hat Werner Hackmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und Präsidiumsmitglied des DFB, die nur zwischen Blatter und Hayatou mögliche Wahl in der FAZ-Sonntagszeitung als eine "Wahl zwischen Pest und Cholera" bezeichnet. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder will sich die deutsche Stimme für Blatter beim Kongress auf einer DFB-Präsidiums-Sitzung am Mittwoch noch einmal absegnen lassen.

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