Wolfgang Reitzle "Nicht sexy, aber grundsolide"

Nun hat auch der Aufsichtsrat die Personalie abgesegnet: Der ehemalige Topmanager von BMW und Ford verlässt London und wird zum 1. Januar 2003 neuer Vorstandschef des Wiesbadener Dax-Konzerns Linde.
Von Arno Balzer und Clemens von Frentz

Hamburg – Der frühere BMW- und heutige Ford-Manager Wolfgang Reitzle wird neuer Vorstandsvorsitzender beim Mischkonzern Linde . Dies hat der Aufsichtsrat am vergangenen Freitag beschlossen.

Damit haben sich die Informationen des Hamburger manager magazins (Erscheinungsdatum 26. April) bestätigt, wonach die Hauptgesellschafter Allianz und Deutsche Bank angekündigt hatten, sie wollten sich dem Vorschlag von Linde-Aufsichtsratschef Hans Meinhardt anschließen. Beide Konzerne sind zusammen mit über 20 Prozent an dem Wiesbadener Unternehmen beteiligt.

Am 10. Mai wird Reitzle bereits in den Linde-Vorstand als ordentliches Mitglied eintreten, um sich auf seine neue Aufgabe vorzubereiten. Zum 1. Januar 2003 wird der prominente Top-Manager dann neuer Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft.

Beratervertrag bei Ford

Reitzle sagte am Freitag: "Die Führungsaufgabe bei Linde stellt für mich eine neue große Herausforderung dar. Ich freue mich, der Ford Motor Company und Bill Ford persönlich weiterhin über einen Beratervertrag verbunden zu bleiben."

Hans Meinhardt, Ex-Vorstandschef des Unternehmens, hat manager magazin zufolge bereits seit längerem versucht, den 53-jährigen Manager nach Wiesbaden zu holen. Für den Posten des Linde-Chefs schlug Reitzle Angebote der US-Autokonzerne Ford und General Motors aus.

Beförderung ausgeschlagen

Erst vor wenigen Tagen hatte DER SPIEGEL gemeldet, der frühere BMW-Manager wolle seinen derzeitigen Arbeitgeber verlassen. Reitzle, der beim weltweit zweitgrößten Automobilkonzern zuletzt die Luxussparte mit den Marken Jaguar, Aston Martin und Volvo leitete, sei eine Beförderung angeboten worden, die er jedoch nicht annehmen wolle.

Nach dem Willen von Ford-Konzernchef William Ford jr. sollte Reitzle in naher Zukunft die weltweite Verantwortung für die Entwicklung aller Ford-Modelle bekommen. Trotz der steigenden Chancen, eines Tages Ford-Chef zu werden, schlug Reitzle, der als einer der fähigsten Manager in der Autobranche gilt, das Angebot aus. Der Grund: Die Machtkämpfe und Intrigen in der Detroiter Konzernzentrale.

Die Gründe für den Wechsel

Wechsel beendet auch die "Fernbeziehung" Reitzles

Wolfgang Reitzle ist seit Ende letzten Jahres mit der Fernseh-Moderatorin Nina Ruge verheiratet, die für das ZDF in Mainz arbeitet. Sie wurde als Co-Moderatorin des "heute-journal" bekannt und moderiert derzeit die Sendung "Leute heute", die in München produziert wird.

Gerhard Full, Vorstandschef der Linde AG

Gerhard Full, Vorstandschef der Linde AG

Foto: DPA
Wolfgang Reitzle

Wolfgang Reitzle

Foto: DPA
Nina Ruge, Ehefrau von Reitzle und Moderatorin von "Leute heute" (ZDF)

Nina Ruge, Ehefrau von Reitzle und Moderatorin von "Leute heute" (ZDF)

Foto: DPA
Nina Ruge, Ehefrau von Reitzle und Moderatorin von "Leute heute" (ZDF)

Nina Ruge, Ehefrau von Reitzle und Moderatorin von "Leute heute" (ZDF)

Foto: DPA
Nina Ruge und Wolfgang Reitzle in Kitzbühel

Nina Ruge und Wolfgang Reitzle in Kitzbühel

Foto: DPA
Foto: DPA
Wolfgang Reitzle

Wolfgang Reitzle

Foto: DDP

Das Paar führte seit dem Wechsel Reitzles vom Münchner BMW-Konzern zu Ford in London eine "Fernbeziehung". Dieser Umstand war nach Auskunft Reitzles einer der Gründe für den Wechsel. Gegenüber der "Welt am Sonntag" sagte der Manager, er habe seine Frau manchmal nur alle sechs Wochen auf einem Flughafen gesehen.

Beide Ehepartner sind auch als Autoren in Erscheinung getreten. Reitzle veröffentlichte das Buch "Luxus schafft Wohlstand - die Zukunft der globalen Wirtschaft", Ruge stellt vor einigen Wochen ihr neues Werk "Alles wird gut - beflügelnde Worte" vor.

Lieber Fregatten-Kapitän als Flugzeugträger-Offizier

Zur "Bild"-Zeitung sagte Reitzle, die Rückkehr nach Deutschland sei eine Lebensentscheidung. Er sei lieber Kapitän auf einer Fregatte als Offizier auf einem Flugzeugträger.

"Was mich in der Tat gestört hat, ist, dass ich seit der Umstrukturierung nicht mehr an die Nummer 1 im Unternehmen berichtete, sondern an den Chief Operating Officer", erklärte Reitzle gegenüber der "Welt am Sonntag". "Das bin ich nicht gewöhnt. Ich habe immer an den Chef berichtet." Zum Ford-Chef Bill Ford habe er ein freundschaftliches Verhältnis, aber dessen Posten habe er nie übernehmen wollen.

Reitzles neuer Arbeitgeber

Über Linde sagte er: "Die Firma gilt zwar nicht als sexy, ist aber grundsolide und hat erstklassige Produkte. Linde braucht Fantasie und eine Vision für die Zukunft." Gegenüber seinen guten Jahren bei Ford, in denen er 6,3 Millionen US-Dollar pro Jahr verdient habe, werde er sich allerdings finanziell verschlechtern. "Aber ich akzeptiere, mich ins deutsche Gehaltsgefüge einordnen zu müssen."

Die Linde AG, die Reitzle künftig leiten wird, gehört in den Bereichen Anlagenbau, Förder- und Kältetechnik sowie Technische Gase zu den international führenden Anbietern. Auf dem Gebiet Fördertechnik produziert und vertreibt das Unternehmen in erster Linie Flurförderzeuge (Stapler, Hubwagen und sonstige Transportsysteme) sowie hydraulische Produkte wie Axialpumpen und -motoren, Getriebe und Steuerungen.

Im Jahr 2001 erwirtschaftete der Konzern mit 46.400 Mitarbeitern einen Umsatz von 9,076 Milliarden Euro. Der Jahresüberschuss stieg um 5,2 Prozent auf 289 Millionen Euro.

Für 2002 rechnet der Vorstand mit einem leichten Umsatzwachstum und einer weiteren Steigerung des Ergebnisses. Der aktuelle Konzernchef Gerhard Full will nun der Hauptversammlung am 14. Mai 2002 vorschlagen, eine Dividende von 1,13 Euro auszuschütten.

Full selbst hatte bereits durchblicken lassen, dass er an einer weiteren Verlängerung seiner Amtszeit nicht interessiert ist. Der 65-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieur, der vor fünf Jahren auf Hans Meinhardt folgte, ist seit 1962 für Linde tätig und wollte eigentlich schon zur Hauptversammlung im Mai 2001 abtreten.

Dies scheiterte jedoch daran, dass sein designierter Nachfolger Peter Grafoner Anfang Mai überraschend den Konzern verließ. Nach Angaben von Insidern hatte sich der Manager mit Aufsichtsratschef Hans Meinhardt überworfen. Fulls Vertrag wurde daraufhin bis zum 31. Dezember 2002 verlängert.

Auf die Bestätigung der Personalie hatte der Aktienmarkt am Freitag zunächst mit Kursabschlägen bei der Linde-Aktie reagiert. Händler begründeten das damit, dass mit Reitzle ein Branchenfremder an die Spitze bei Linde wechsle. Dies berge Unsicherheiten in sich.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.