Interview "Ich glaube an das Gründer-Gen"

Wer sollte sich in der Gründerszene besser auskennen als die Gründer selbst? In Berlin traf sich manager-magazin.de mit Loretta Würtenberger, Marion Widua und Constantin Rack, um über ihre Ideen, ihre Erfahrungen als Unternehmer und die Zukunft der New Economy zu sprechen.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Die New Economy ist entzaubert, der normale Angestellte ist froh über seinen festen Job. War der Gang in die Selbständigkeit nur eine Mode?

Würtenberger: Das glaube ich nicht. Natürlich ist die Euphorie verflogen, aber der Gründergeist, der sich mit dem Aufkommen der New Economy verbreitete, ist keineswegs verschwunden. Wer einmal dieses Kribbeln des Gründens, der Selbständigkeit, gespürt hat, den lässt es nicht mehr so schnell los.

mm.de: Was hat sich nach dem Crash der New Economy für junge Unternehmer geändert?

Rack: Für mich hat sich relativ wenig geändert. Wir haben Vigos langsam aufgebaut, anstatt "auf Teufel komm raus" das Geld aus dem Fenster zu werfen. Insgesamt ist die Stimmung am Markt jedoch vorsichtiger geworden gegenüber neuen Geschäftskonzepten. Heute müssen Gründer viel mehr Überzeugungsarbeit leisten.

Widua: Die Anforderungen haben sich geändert, zum Beispiel bei den Venture Capitalists. Nehmen Sie Indiwidual: Mit unserer klassischen Sekretariats-Dienstleistung für mittelständische Unternehmen waren wir 1999 für Kapitalgeber ziemlich langweilig. Heute rufen die VCs von damals bei uns an und fragen nach der nächsten Finanzierungsrunde. Was jetzt zählt in der New Economy, ist Substanz. Der Graben zur Old Economy verschwindet. Die eine Seite hat einen sehr hohen Innovationsgrad, die andere Seite hat Kapital und Erfahrung. Beides wächst zusammen, Richtung Future Economy.

Würtenberger: Amerika ist da übrigens schon viel weiter. Dort wurden die innovativen Impulse der New Economy bereits in die Old Economy integriert. So hat die Wirtschaft insgesamt die enormen Potentiale des Internets als neuen Vertriebskanal sehr schnell erkannt und entsprechende Strukturen aufgebaut. Oder nehmen wir die offenen Kommunikationsformen, die wir aus jedem Dotcom-Unternehmen kennen: Selbst beim Branchenriesen Microsoft haben die Mitarbeiter per Mail längst den direkten Draht zum Chef. Dieser Prozess kommt in Deutschland nur schleppend in Gang. Wir müssen einfach schneller handeln, die Zeichen der Zeit erkennen und entsprechend umsetzen. Wenn wir das nicht tun, wird das die deutsche Wirtschaft langfristig nach hinten katapultieren.

"Unsere Behördenmühlen mahlen zu langsam"

mm.de: Wo kann die Politik helfen?

Widua: Unsere Behördenmühlen mahlen definitiv zu langsam. Beispiel Handelsregister: Der VC-Geber zahlt erst dann seine Tranche aus, wenn das Unternehmen am Registergericht eingetragen ist. Wir sind fast am langen Arm verhungert, bis dort die Eintragung erfolgte. Dabei war unser Venture Capital längst bewilligt.

Würtenberger: Die Gründer müssen den Mut haben, auf die Politik zuzugehen und den direkten Dialog zu suchen. Zum Beispiel sind mit dem Internet völlig neue Wirtschaftszweige entstanden, die durch den bestehenden Gesetzesrahmen nicht abgedeckt waren. Da mussten bestimmte Gesetze einfach überdacht werden. Ich bin sicher, dass die New Economy das Rabattgesetz mit zu Fall gebracht hat. Das zeichnet einen Gründer aus: Seine Idee gegen alle Widerstände durchzusetzen. Ich bezeichne das als "Gründer-Gen": Entweder man hat es, oder man hat es nicht.

mm.de: Hat die Auszeichnung des Gründerwettbewerbs Multimedia Ihnen konkret etwas für Ihr Geschäft gebracht?

Rack: Ja sehr, denn durch den Preis hatten wir eine gute Referenz gegenüber Kunden und Medien. Auch das Coaching von der VDI/VDE-Technologiezentrum Informationstechnik GmbH im Vorhinein war Gold wert.

Widua: Ich wollte eigentlich zu meiner Idee nur ein Feedback von einer unabhängigen Jury. Die Preisgelder waren natürlich klasse. Insgesamt flossen die 35.000 Euro bei uns "eins zu eins" in das Grundkapital der AG-Gründung. Und über das Investmentforum haben wir auch unsere Investoren kennen gelernt.

mm.de: Zum Schluss die Erwartungen an die Zukunft: Geht es weiter bergab, oder ist die Talsohle durchschritten?

Würtenberg: Es geht wieder aufwärts – allerdings mit anderen Vorzeichen. Diejenigen, die den Hype mitverfolgt haben, konnten sehen, wie aufregend es ist, ein Unternehmen zu gründen. Sie haben aber auch erfahren, was alles falsch gemacht wurde. Gemeinsam schaffen diese Erfahrungen ein enormes Potential. Die nächste Gründergeneration wird viel überlegter handeln. Sie wird die Zukunftsbranchen zu einem soliden und langfristigen Wachstum führen.

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