Dienstag, 28. Januar 2020

Peter F. Drucker "Manager tun mir Leid"

5. Teil: Woher die größten Gefahren kommen

mm: Industrien haben sich immer gegenseitig befruchtet. Was ist neu an Ihrer Beobachtung?

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Drucker: Neu ist die Intensität des Austausches. Mehr als die Hälfte der wichtigen Innovationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den berühmten Bell Labs kamen, wurden außerhalb der Telefonindustrie eingesetzt. Die größte Erfindung der Bell Labs war der Transistor. Aber die Telefongesellschaft AT&T, zu der die Bell Labs bis vor einigen Jahren gehörten, erkannte die Bedeutung des Transistors nicht. AT&T gab sein Wissen an jeden weiter - unter anderem an die Japaner, die auf der Grundlage des Transistors die moderne Unterhaltungselektronik schufen.

mm: Was folgt aus dieser Episode?

Drucker: Die größten Gefahren - aber auch Chancen - stürmen von außen auf ein Unternehmen ein. Das bedeutet, dass sich Firmen ständig neu definieren müssen. Der Glashersteller Corning hat zum Beispiel beschlossen, die profitable Glassparte zu verkaufen und sich auf Hightech-Komponenten zu spezialisieren. Heute ist Corning der führende Glasfaserspezialist der Welt.

mm: Ziehen wir eine Zwischenbilanz, Herr Drucker. Sie skizzieren eine Umwelt, die immer unübersichtlicher wird, die sich immer schneller dreht. Da reicht es doch nicht, dem überforderten Manager zu sagen: Organisiere dein Unternehmen ordentlich, informiere dich richtig und konzentriere dich auf das Wesentliche, dann wird alles gut.

Drucker: So simpel ist das. Nichts Kompliziertes funktioniert. Nur simple Dinge funktionieren.

mm: Sie provozieren.

Drucker: Ich meine das ernst. Allerdings fehlen in Ihrer Aufzählung die Menschen, die dem Topmanagement zuarbeiten. Wenn wir die guten Leute motivieren und richtig einsetzen, bilden sie die größte Unterstützung für die Unternehmensführung.

mm: Sie sprechen über den Wissensarbeiter - ein Geschöpf, das in den Köpfen aller Unternehmensberater herumgeistert und von dem in der Praxis niemand weiß, wie es wirklich aussieht.

Drucker: Wie sie aussehen, kann ich Ihnen sagen: Wissensarbeiter sind Leute mit einem hohen Grad an Bildung und Ausbildung; in Amerika machen sie bereits ein Drittel der gesamten Arbeitskräfte aus. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir mit Wissensarbeitern umgehen sollen. Meistens werden sie behandelt wie ungebildete Fabrik- und Büroarbeiter, die wir vor 100 Jahren hatten. Diese Fehleinschätzung hat zur Folge, dass selbst die besten Leute nicht produktiv arbeiten.

mm: Oder schlimmer noch: Dass sie das Unternehmen verlassen und sich einen anderen Arbeitsplatz suchen.

Drucker: Auch in diesem Punkt unterliegen die meisten Führungskräfte einem Missverständnis. Meine Klienten reden immer noch von der Loyalität ihrer Leute. Das ist barer Unsinn. Wissensarbeiter identifizieren sich nicht mehr mit einer Firma. Sie identifizieren sich mit ihrer Arbeit und ihrem Wissen - so als würden sie ein Handwerk beherrschen. Wir sind heute wieder nah dran am Arbeitsverständnis des 18. Jahrhunderts, als die Menschen stolz auf die Zunft waren, der sie angehörten.

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