Sonntag, 19. Januar 2020

Peter F. Drucker "Manager tun mir Leid"

4. Teil: Warum viele Manager betriebsblind sind

mm: Weshalb legen Sie so großen Wert auf Informationen über die Außenwelt?

Drucker: Viele Manager leben noch im 19. Jahrhundert, als Neuerungen aus der Firma oder aus der Branche kamen. Heute hingegen sind es im Wesentlichen die Veränderungen um das Unternehmen herum, die die Geschicke der Firma beeinflussen. Denken Sie doch einmal nach: Was hat die Banken in den letzten 30 Jahren am meisten gewandelt?

mm: Die Einführung des Computers?

Drucker: Nein, Computer machen alles nur teurer. Was die Banken verändert hat, waren gesellschaftliche Entwicklungen. Darf ich Ihnen ein Beispiel erzählen?

mm: Gern.

Drucker: Als ich vor 70 Jahren ein junger Banker in London war, hat mein weiser Chef gesagt: "Vergessen Sie nicht, Herr Drucker, dass in der reichsten Bevölkerung der Welt", das war damals Südengland, "nur 2 Prozent der Bevölkerung mehr Geld haben, als sie für ihr Begräbnis brauchen." Heute sind es 70 Prozent.

mm: Was wollen Sie damit sagen?

Drucker: Ich will Ihnen nahe bringen, dass erst durch den Wohlstand breiter Schichten das Massengeschäft mit Privatkunden entstanden ist. Ein Markt, den die deutschen Bankmanager völlig vermasselt haben. Sie haben nicht frühzeitig realisiert, dass immer mehr Menschen immer reicher werden und Rat für die Geldanlage bei den Banken suchen.

mm: Sie werfen den Managern vor, dass sie mit Scheuklappen durch die Welt gehen?

Drucker: Viele Manager sind betriebsblind. Sie verbringen unendlich viel Zeit damit, ihr Produkt oder ihre Dienstleistung zu verfeinern ...

mm: ... was nicht falsch ist. Wer nicht ständig an seinem Produkt arbeitet, fällt hinter seine Konkurrenten zurück.

Drucker: Aber wer sich zu sehr nach innen orientiert, der übersieht eine der wichtigsten Änderungen unserer Zeit - nämlich dass Technik nicht mehr industrieverbunden ist. Innovationen, die eine Branche revolutionieren, basieren immer häufiger auf Erfindungen, die aus einem anderen Industriezweig stammen. Nur ein Beispiel: Glasfaserkabel wurden nicht von den Telefongesellschaften entwickelt, sondern von Corning Glass, einer auf Glas spezialisierten Firma.

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