Donnerstag, 9. April 2020

Peter F. Drucker "Manager tun mir Leid"

3. Teil: Was die Konzentrationsregel bedeutet

mm: Die Manager sollen sich also einerseits das Gefühl für ihr Unternehmen erhalten und sich andererseits ausschließlich um die großen Aufgaben kümmern. Wie kann dieser Balanceakt gelingen?

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Drucker: Ich berate immer noch einige Vorstände. Wenn sie mir diese Frage stellen, dann sage ich ihnen, sie sollen sich auf ein oder zwei Dinge konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Drei Dinge auf einmal sind schon zu viel.

mm: Mit Verlaub: Das klingt banal.

Drucker: Und trotzdem wird es nicht gemacht. Ich muss mir doch nur meine Klienten anschauen: Die meisten sind Briefträger, sie überbringen Botschaften an ihre Mitarbeiter, an Aktionäre, an wen auch immer. Sie treiben sich mehr auf Flugplätzen herum als irgendwo sonst. Da frage ich mich: Wann arbeiten die denn?

mm: Wie soll ein Vorstand das nötige Fingerspitzengefühl bekommen, wenn er nicht regelmäßig reist?

Drucker: Er soll ja reisen. Nur Berichte zu lesen bringt nichts. Berichte beantworten nur das, was man schon gefragt hat. Um herauszubekommen, was man zu fragen hat, muss man zu den Leuten gehen. Aber wenn sich jemand auf die Reise begibt, soll er sich konzentrieren. Dann soll er sich Zeit nehmen, vielleicht zwei Wochen bei der Tochtergesellschaft in Indien verbringen und wirklich mit den Menschen reden.

mm: Sind Topmanager nach Ihrer Erfahrung ausreichend informiert über das, was um sie herum vorgeht?

Drucker: Ich werde Sie jetzt schockieren: Die meisten Manager sind heute schlechter informiert als die Spitzenleute vor 30 Jahren.

mm: Trotz Computer und Internet?

Drucker: Gerade deswegen. Die Manager verfügen über ungeheuer viele unternehmensinterne Daten. Aber sie wissen fast nichts über das, was draußen geschieht. Denn die Daten über die Außenwelt liegen meist nicht in einer Form vor, die man in einen Computer eingeben kann.

mm: Der Unternehmenslenker ist ohnehin von Zeitnot geplagt. Was soll er tun, um sich besser zu informieren? Noch mehr reisen? Noch mehr lesen?

Drucker: Nein, kein Aktionismus. Die erste Frage, die man sich stellen muss, heißt: Welche Information brauche ich? Die meisten meiner Klienten stellen sich diese Frage nicht. Sie überlassen es ihrem Chief Information Officer zu entscheiden, was wichtig ist. Das ist ein Fehler. Der Manager selbst muss die Informationsverantwortlichkeit übernehmen.

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