Samstag, 25. Januar 2020

Peter F. Drucker "Manager tun mir Leid"

2. Teil: Was Ex-GE-Chef Welch besser machte

mm: Warum?

Drucker: Weil es immer schwieriger und teurer wird, im Unternehmen das Fachwissen verfügbar zu halten, das man braucht, um alle Aufgaben zu bewältigen. Daher ist der produktivste und profitabelste Weg die Desintegration.

mm: Das heißt Zerschlagung?

Drucker: Nicht unbedingt. Wichtig ist, dass die Firmen Aktivitäten auslagern, etwa die Datenverarbeitung oder die Produktion von Hemden und Handys. Selbst die Personalverwaltung kann nach draußen vergeben werden. Eine Studie von McKinsey zeigt, dass sich bis zu 30 Prozent der Kosten sparen lassen, wenn aushäusige Spezialisten die Einstellung, das Training und die Kündigung der Mitarbeiter übernehmen.

mm: Wenigen Managern ist es gelungen, transnationale Riesengebilde zum Erfolg zu führen. Jack Welch zum Beispiel. In den zwei Dekaden an der Spitze von General Electric hat er Jahr für Jahr Umsatz und Gewinn gesteigert. Was machte die Legende Welch besser als andere?

 "Unwahrscheinlich, dass er seine Finger irgendwo weghalten konnte." Drucker über Ex-GE-Chef Jack Welch (im Bild)
Arne Stuhr/mm.de
"Unwahrscheinlich, dass er seine Finger irgendwo weghalten konnte."
Drucker über Ex-GE-Chef Jack Welch (im Bild)
Drucker: Jack Welch hat sich ein Team zusammengestellt, zu dem außer ihm nur die Vorstände für Finanzen und Personal gehörten. Dieses Team hat sich immer ein bestimmtes Ziel gesetzt, und es hat die Vorgaben im Unternehmen kommuniziert. In seinen ersten Jahren hat Welch dafür gesorgt, dass jeder Geschäftsbereich die Nummer eins oder zwei in der Welt ist. Dann hat er sich um die Förderung des Managementnachwuchses gekümmert. Zuletzt richtete er GE auf das Internet aus. Das operative Geschäft hat ihn nie interessiert - so sagt er wenigstens.

mm: Sie glauben Welch nicht?

Drucker: Welch ist ein hyperaktiver Mensch. Es ist unwahrscheinlich, dass er seine Finger irgendwo weghalten konnte.

mm: Wie soll jemand ein Unternehmen leiten, ohne sich um die Kunden oder die Fabriken zu kümmern? Wer nur an der Strategie herumbastelt, verliert doch jedes Gefühl fürs Geschäft.

Drucker: Sie haben ja Recht. Wie wichtig das Fingerspitzengefühl ist, sehen wir im Krankenhausbereich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die beste Klinik in Amerika ist die Mayo Clinic in Rochester. Dort muss jeder Chirurg, der zwei Wochen im Urlaub war, in der ersten Woche nach seiner Rückkehr als Assistent arbeiten.

mm: Was ist der Sinn?

Drucker: Den Blinddarm rausnehmen kann jeder. Aber beim Öffnen des Bauches zu spüren, dass da noch etwas anderes Unangenehmes los ist - dieses Gefühl verliert man schon nach zwei Wochen.

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