Glosse Am Gummiband

Die Geschichte von einem, der in den Abgrund springen sollte, um sich selbst zu finden. Und der nur deshalb zu sich kam, weil er Nein sagte.

Es war ein rundum guter Tag für Klaus B., so ein Tag, an dem man abends verwundert zurückblickt und merkt, dass sich alles verändert hat, obwohl eigentlich nichts passiert ist. Es waren nur zwei kleine Sätze, die an diesem Tag sein Leben änderten. Diese zwei Sätze fielen in einem Seminar zur Selbsterfahrung.

Der erste wurde von einem alerten Jüngling in den Zwanzigern gesprochen. Er stand oben auf einer Plattform, die an einem Baukran befestigt war, und sagte: "Da springen Sie jetzt runter!"

Der zweite Satz wurde von Klaus B. gesprochen und ging so: "Da springe ich auf keinen Fall hinunter!" Nachdem er diesen Satz gesprochen hatte, drehte er sich um, ging weg, weg von dem Abgrund, in den er sich, nur durch ein Gummiseil gesichert, hätte stürzen sollen, um seine Grenzen zu überschreiten.

Das war der Sinn dieser Übung: Überwinden Sie Ihre Hemmungen, sprengen Sie Ihre Grenzen, finden Sie zu sich selbst und so weiter. Manche Menschen tun einiges, um sich selbst zu finden. Je abenteuerlicher die Anweisungen der Animateure sind, desto plausibler scheint es ihnen.

Klaus B. aber verweigerte und fühlte plötzlich, dass er zu sich selbst gefunden hatte. Er fühlte, dass er seine Grenzen überwunden hatte, weil ihm zum ersten Male vollkommen wurscht war, was die dachten, die ihm höhnisch hinterhergrinsten.

Sie merkten zu spät, dass es dieses höhnische Grinsen war, das sie daran hinderte, demselben Impuls der letzten Sekunden zu folgen und zu sagen: "Da springe ich auf keinen Fall hinunter!" Sie mussten also mit erfrorenem Grinsen da runter.

Die verendete Eleganz

Der Verweigerer bestieg indes mit leichtem Schwindel den Fahrkorb, der ihn sicher nach unten brachte. Von dort beobachtete er die anderen Selbstsucher, wie sie sich hinunterstürzten, eine Art elegante Metaphorik der Grenzüberschreitung des Menschen, der ja zum Fliegen nicht gemacht ist.

Doch diese Metapher stellte sich schnell als zwiespältig heraus. Mit der Gummibremsung des gewagten Sprunges verendete die Eleganz, und es hing da nur noch ein klägliches Menschlein am Seil, unfähig, selbsttätig zum Ausgangspunkt zurückzuschweben. Das wäre ja nun die endgültige Metapher der Grenzüberschreitung gewesen.

Stattdessen pendelte dieses Menschlein, an den Füßen aufgehängt, noch eine ganze Weile hin und her und auf und ab, mühselig versuchend, den Kopf hochzuhalten. Wurde dann auf die Plattform zurückgehievt, wo es mit schwankenden Schritten seinen Triumph feierte.

Klaus B. indes ging am Abend mit der neu erwachten Persönlichkeit in ein illustres Restaurant, ein französisches, um seinen Erfolg angemessen zu begehen.

Er bestellte sich mit fester Stimme die übliche Palette teurer Ritualvorspeisen, als Hauptgang eine Entenbrust und eine Flasche Nuits-St.-Georges, aus dem von Weinkennern nur flüsternd diskutierten Jahrgang '89. Ganz tief in seinem Inneren hoffte er ein wenig, dass der Wein vielleicht nach Korken schmecke, um ihn mit der festen Stimme seiner neuen Persönlichkeit zurückzuweisen.

Aber der Nuits-St.-Georges war nach einigen Minuten des Durchatmens ganz exzellent. Was schließlich auch besser zu diesem Anlass passte.

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