DaimlerChrysler Die Oldie-Parade

Der kriselnde Autokonzern muss den Generationswechsel einleiten. Die Führung ist überaltert, Nachwuchskräfte kuschen. Vormann Jürgen Schrempp reagiert dünnhäutig auf die Malaise - und will vor allem sich selbst einen guten Abgang verschaffen.
Von Jörg Schmitt und Frank Scholtys

Jürgen Schrempp

(57) hat nie einen Zweifel daran gelassen: Im Jahr 2005, nach zehn Jahren an der Spitze des Daimler-Reichs, soll für ihn Schluss sein. Und Schrempp wäre nicht Schrempp, wenn er nun, da das Datum näher rückt, nicht gerüstet wäre für die Zeit danach.

Vor einem Jahr ist er noch einmal Vater geworden. Er mag die Rolle des stolzen Papas, der den Kinderwagen der kleinen Loana Theresa schiebt. Und er mag Südafrika, ein Land, in dem er lange tätig war; dort baute er ein Haus für sich und seine Lieben.

Daimler mutiert derzeit zum Familienunternehmen. Ehefrau Lydia (37), schon seit Jahren Schrempps Bürovorsteherin, nimmt das junge Töchterchen mit in die Firma. "Wir haben auch zu Hause ein Büro, und wir arbeiten sieben Tage in der Woche", eröffnete Schrempp jetzt dem US-Wirtschaftsmagazin "Fortune".

Es könnte alles so schön sein im Hause Schrempp - wenn da nicht die schwere Krise wäre, in die der Konzern geschlittert ist.

Die Malaise ließ den Vormann dünnhäutig werden. Der einst überall präsente Schrempp macht sich rar. "Es scheint, als ob der Boss von der Bildfläche verschwunden ist", notierte "Fortune". Und wenn der Chef mal öffentlich auftritt, wirkt er für viele vorsichtiger als früher - mitunter auch etwas übellaunig. So drückte sich Schrempp bei der Bilanzvorlage missmutig um eine exakte Gewinnprognose herum. Wer wisse schon, so der Tenor, wie sich die Konjunktur entwickele.

Seine Launen treffen auch wichtige Führungskräfte. Es kam zu Auseinandersetzungen mit Dieter Zetsche (48) und Jürgen Hubbert (62). Mit Chrysler-Chef Zetsche fetzte sich Schrempp um Kostenziele bei der Sanierung der US-Tochter; und dem Mercedes-Lenker Hubbert nahm er übel, dass der die Bekämpfung von Qualitätsproblemen bei Pkw öffentlich zur "Chefsache" erklärt hatte - zu seiner eigenen nämlich. So etwas mag der Big Boss nicht.

"Sobald einer den Kopf rausstreckt, reagiert der Schrempp empfindlich", sagt einer aus dem Hauptquartier in Stuttgart-Möhringen. Der Primus wittert Profilierungssucht und Gegnerschaft, auch wenn jemand nur einen guten Job machen will.

Kein gesundes Klima - und dies in einer Zeit, in der sich viele im Hause fragen, wie es an und mit der Spitze weitergeht.

Wer nicht in Frage kommt

Der Generationswechsel bei DaimlerChrysler  ist unausweichlich. Die Hälfte des Vorstands steht vor der Pensionierung, nicht unbedingt ein Ausweis für weitsichtige Personalplanung. Gleiches gilt für Schlüsselkräfte der zweiten Ebene.

Operativ leitet Hubbert den Konzern. Alle wichtigen Entscheidungen werden im so genannten Executive Automotive Council getroffen. Hier wird entschieden, welche Mercedes Teile für Chrysler geeignet sind oder welche Mitsubishi-Modelle den gleichen Unterbau wie Chrysler-Fahrzeuge erhalten sollen.

Das Gremium steuert das gesamte Fahrzeuggeschäft und ist so etwas wie der Kernvorstand des Automobilherstellers. Die Leitung haben Schrempp und Hubbert gemeinsam inne. Doch im vergangenen Jahr nahm Schrempp an den Sitzungen kaum teil.

Hubbert gibt vor, wie viel Gemeinsamkeit die Konzernmarken vertragen. Beispiel Chrysler Crossfire: Unter der Haube des Sportwagens finden sich viele Teile des Mercedes-Sportlers SLK. Die Absicht: Der Crossfire, den Hubbert ab 2003 bei Karmann in Osnabrück fertigen lässt, soll das Chrysler-Image aufpolieren.

Eigentlich wollte Hubbert nur noch seinen 2003 auslaufenden Vertrag erfüllen. Als Schrempps Vertrag im vergangenen Jahr jedoch vorzeitig unter eigenwilliger Auslegung des Aktienrechts bis 2005 verlängert wurde, überredete der Chef den treuen Gefolgsmann Hubbert, ebenfalls noch zwei Jahre anzuhängen. Dann ist auch für den ewigen Zweiten Schluss.

Manche Vorstandskollegen könnten schon früher in Pension gehen. Manfred Bischoff (59), Manfred Gentz (60), Klaus Mangold (58) und Klaus-Dieter Vöhringer (60) haben Verträge bis 2003. Eine routinemäßige Verlängerung dürfte aus Altersgründen ausscheiden.

Wer in Frage kommt

Aus der zweiten Mercedes-Reihe kommen etliche Manager wegen fortgeschrittenen Alters für einen Aufstieg kaum in Frage. Produktionschef Helmut Petri ist 61; Entwicklungschef Hans-Joachim Schöpf und Rolf Eckrodt, Daimlers Statthalter bei Mitsubishi, sind 59 Jahre alt (siehe: Eckrodt zum Mitsubishi-Motors-Chef gekürt).

Keiner dieser Herren kommt in Frage, wenn es um die wichtigste Position geht, um die Nachfolge Schrempps. Derzeit sieht sich nur einer berufen, der Chrysler-Vorsteher Dieter Zetsche.

Sein Handikap ist, dass er das US-Unternehmen noch nicht flott bekommen hat. Händeringend sucht er Wege zur Kostensenkung. Angeblich muss er eine weitere Milliarde Dollar einsparen.

Gleichwohl macht Zetsche in den USA einen guten Job. Wenn dort die Autokonjunktur anzieht, hat Chrysler durchaus Chancen auf ein zumindest ausgeglichenes Ergebnis.

Schrempp missfällt, dass Zetsche immer wieder als Nachfolger gehandelt wird. "Der Zetsche soll erst mal seinen Laden in Ordnung bringen", raunzt einer aus der Umgebung des großen Vorsitzenden, der halt keine Nebenbuhler duldet. Lieber mag er Mitarbeiter wie Eckhard Cordes (51) und Rüdiger Grube (50) - zwei Köpfe, die das Rampenlicht eher scheuen. Die Vorstände gehören zum engsten Kreis um Schrempp. Beide hielt er trotz Abwanderungsgelüsten im Konzern.

Grube war bereits bei der Häussler-Gruppe eingestiegen und dann zu seinem Mentor zurückgekehrt. Der amtierende Lkw-Chef Cordes schlug vor Jahren ein Angebot der Deutschen Bank aus.

Cordes, überaus ehrgeizig, ist als Chefstratege bei Daimler groß geworden. Seine weitsichtige Planung schließt die eigene Person mit ein: Aufmerksame Beobachter der Stuttgarter Vorstandsszenerie registrieren derzeit, dass für einen wie Cordes der Aufstieg Zetsches auf den Konzernthron keineswegs beschlossene Sache ist. Der wortgewandte Mann lässt keinen Zweifel, dass er sich selbst den Job durchaus zutraut: gute Chancen für einen spannenden Kampf um die Schrempp-Nachfolge.

Trotz mancher Spekulationen über Amtsmüdigkeit des Konzernchefs wird der Machtwechsel allerdings kaum vor dem Auslaufen des Schrempp-Vertrags im Jahr 2005 erfolgen. Es sei denn, der Konzern schafft es nicht, aus den roten Zahlen zu kommen und Schrempps "Welt AG" erweist sich als teurer Irrweg.

Oldie-Galerie: Konzernvorstand von DaimlerChrysler


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