Finanzskandal "Nick Leeson der Adria"

Ein Devisenhändler aus Zagreb hat die kroatische Bank Rijecka durch einen groß angelegten Betrug fast in den Bankrott getrieben. Für einen Großteil des Millionenschadens wird die Bayerische Landesbank aufkommen müssen.

Eduard "Edo" Nodilo war in kroatischen Finanzkreisen ein angesehener Mann. Als Chefdevisenhändler der Rijecka Banka, Kroatiens drittgrößtem Finanzinstitut, war seine Expertise überall gefragt. Nodilo hatte eine eigene wöchentlich erscheinende Zeitungskolumne und berichtete regelmäßig im Lokalradio über die Entwicklungen auf dem globalen Devisenmarkt.

Damit ist es jetzt vorbei. Der fünfzigjährige Nodilo, den Kollegen als einen hart arbeitenden Kettenraucher mit Herzproblemen beschreiben, ist seit kurzem der berüchtigtste Rogue Trader Osteuropas: Er soll durch spekulative Devisengeschäfte Verluste von mindestens 73 Millionen Dollar verursacht haben.

Auf den Spuren von Leeson und Rusnak

Nodilo ist damit schon der zweite Devisenhändler, der in diesem Jahr zu trauriger Berühmtheit gelangt. Sein Fall ähnelt dem von John Rusnak, der in den vergangenen fünf Jahren durch spekulative Deals bei der Allied Irish Bank einen Verlust von 691 Millionen Dollar angehäuft hatte. Ähnlich wie Rusnak oder Nick Leeson, dessen waghalsige Devisengeschäfte 1995 die britische Traditionsbank Barings in den Bankrott trieben, soll Nodilo sich nicht selber bereichert haben. Die kroatische Zentralbank, die den Fall untersucht, geht davon aus, dass der Rijecka-Banker frühere Verluste verschleiern wollte.

Auf großem Fuß lebte Nodilo nicht: Örtlichen Quellen zufolge wohnte der Cheftrader in einem Zwei-Zimmer-Apartment. Erst kürzlich soll er sein zwölf Jahre altes japanisches Auto durch einen Seat Cordoba ersetzt haben, den er ratenweise abzahlte. Nodilos Einkommen lag vor seiner Kündigung bei etwa 800 Dollar monatlich.

Grundkapital der Bank praktisch ausgelöscht

Der Rijecka Banka droht jetzt die Pleite. Die kroatische Zentralbank schätzt den entstandenen Schaden auf 73 bis 103 Millionen Dollar. Für eine Bank, deren Eigenkapital sich auf lediglich 118,9 Millionen Dollar beläuft ist das kein Pappenstiel. Zudem bestanden laut Zentralbank am Dienstag noch offene Devisenpositionen aus Nodilos Geschäften in Höhe von 20 Millionen Dollar, die für weitere Verluste sorgen könnten. Nach Bekanntwerden der Nachricht bildeten sich vor den Filialen der Rijecka lange Schlangen, weil Kunden versuchten, ihre Ersparnisse abzuheben. Nach Angaben des Rijecka-Geschäftsführers Ivan Stokic "sind die Einlagen gesichert und es gibt keinen Grund zur Sorge". Die kroatische Zentralbank, die Anteile an Rijecka hält, hat bereits 97,6 Millionen Dollar in die Bank gepumpt, um die drohende Pleite vorerst abzuwenden.

Wie sich das Investment in einen Alptraum verwandelte

Als besonders unglücklich erweist sich der Devisenskandal bei der Rijecka für die Bayerische Landesbank: Die ist mit 59,5 Prozent am Grundkapital des kroatischen Instituts beteiligt. Mit der im Mai 2000 für etwa 80 Millionen Euro erworbenen Mehrheitsbeteiligung wollten die Bayernbanker einen Fuß in den kroatischen Markt bekommen. Im Mai 2001 schwärmte Vorstandschef Alfred Lehner noch von der "vernetzten Kooperation" die Auslandsbeteiligungen wie die Rijecka ermöglichten.

Rennt, rettet, flüchtet

Jetzt will die Bayern LB das missliche Investment zügig wieder los werden. Derzeit befinde man sich mit dem kroatischen Staat, der ebenfalls mit etwa 25 Prozent an Rijecka beteiligt ist, in "konstruktiven Verhandlungen über die künftige Eigentümerstruktur", teilte die Landesbank unlängst mit. Die Tatsache, dass Rijecka jetzt Opfer des größten Devisenskandals geworden ist, den das postkommunistische Osteuropa je erlebt hat, dürfte sich nicht gerade förderlich auf den Verkaufspreis auswirken.

Kroatiens stellvertretender Premierminister Zdravko Linic ließ denn auch schon mal durchblicken, wie viel die Regierung für den Anteil der Bayern noch zu zahlen bereit ist: nichts. "Die BLB wird der Regierung ihren Anteil im Wert von 70 Millionen Euro zurückgeben und die Regierung wird den Schaden reparieren", so Linic. Der Vizepremier, der sich am Montag mit Mitarbeitern der West LB traf, unterstrich, dass die Rettungsaktion nicht zu Lasten der kroatischen Steuerzahler gehen werde. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, die Bayern würden für ihren Anteil die symbolische Zahlung von einem Dollar erhalten. Die Landesbank will sich zu den kursierenden Zahlen nicht äußern. Ein Sprecher sagte auf Anfrage, die Gespräche liefen noch.

Wie hat "Edo" das gemacht?

Noch ist unklar, wie Nodilo die Bank, die Aufsichtsbehörden und die Wirtschaftsprüfer über einen langen Zeitraum täuschen konnte. "Die Verluste müssen über mehrere Jahre angehäuft worden sein", so ein Händler. Gemessen an internationalen Standards ist das Volumen der Rijecka-Devisengeschäfte winzig - entsprechend niedrig müssen die Limits für einzelne Deals gewesen sein. Lokalen Quellen zufolge soll sich Nodilo vor allem auf Termin- und Optionsgeschäfte konzentriert haben - wer seine Handelspartner waren, ist bisher unklar.

Dass Nodilo mit seinem Schwindel nicht früher aufflog, erscheint aus mehreren Gründen unglaublich. Erstens hatte die Zentralbank die Rijecka Banka bereits 1999 aufgefordert, einem anonymen Hinweis über angebliche Durchstechereien bei dem Institut nachzugehen. Eine interne Untersuchung bei Rijecka kam zu dem Schluss, dass es keine Unregelmäßigkeiten gab.

Arglose Profibuchalter

Zweitens wurden die Bücher der Rijecka gleich mehrfach von Spezialisten unter die Lupe genommen: KPMG, eine der fünf weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, testierte in den vergangenen zwei Jahren die Jahresabschlüsse der Rijecka - und hatte nichts zu beanstanden. Während man den Wirtschaftsprüfern noch zu Gute halten könnte, dass sie lediglich den Jahresabschluss auf seine formelle Richtigkeit prüften, muss die Bayern LB sich fragen lassen, ob sie bei der Überprüfung ihrer Beteiligung nicht kräftig geschlampt hat.

Bevor die Bayern im Jahr 2000 die Mehrheit an der Rijecka übernahmen, führten sie eine so genannte Due-Diligence-Prüfung durch. Dabei durchleuchteten die Landesbanker das gesamte Unternehmen auf etwaige Leichen im Keller. Ergebnis: alles bestens.