Alan Greenspan Tritt "Mr.Chairman" zurück?

Mit den sich mehrenden Anzeichen, dass die US-Konjunktur die Talsohle durchschritten hat, keimen Gerüchte um einen vorzeitigen Abschied des Fed-Chefs wieder auf.

Washington - Gespannte Aufmerksamkeit ist US-Notenbankchef Alan Greenspan stets sicher, wenn er eine seine Erklärungen abgibt. Diese Woche jedoch waren die Börsianer im Vorfeld von Greenspans Auftritt vor dem amerikanischen Kongress noch nervöser als sonst: auf den Fluren der New Yorker Börse kursierten Gerüchte über Greenspans bevorstehenden Rücktritt. Eine Ende seiner inzwischen 14-jährigen Ära, die für den längsten und robustesten Aufschwung der US-Wirtschaft steht, könnte die Börsen beben lassen.

Doch Greenspan (75) - dienstältester Notenbankchef der Welt und in Washington noch immer kurz "Mr. Chairman" genannt - lässt die Analysten weiter zappeln. Seine Zukunftspläne erwähnte er mit keinem Wort. "Wir kommentieren keine Gerüchte", war alles, was sich ein Sprecher der Notenbank (Fed) entlocken ließ.

Die Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt mehren sich mit den Anzeichen, dass die US-Konjunktur die Talsohle der Rezession durchschritten hat. Solide Anzeichen, dass Greenspan die Wirtschaft erfolgreich aus dem Tief gesteuert hat, wären nach Meinung vieler Experten ein idealer Zeitpunkt, um die Geschicke der amerikanischen Zins- und Geldpolitik in andere Hände zu legen.

Zenit der Karriere überschritten

Den Zenit seiner Karriere habe Greenspan, den in Washington mit dem scharfen Einbruch der US-Konjunktur Ende 2000 ohnehin überschritten, meinen Analysten. Bis dahin galt Greenspan als Finanzgenie schlechthin. Viele sahen in dem ehemaligen Jazzmusiker den Magier, der mit unfehlbarem Instinkt für die perfekte Zinsdosis den beispiellosen Boom der US-Wirtschaft in den 90er Jahren praktisch im Alleingang bewerkstelligte.

Mit dem Dot.com-Einbruch wuchsen aber plötzlich Zweifel an Greenspans Künsten. Der Fed-Chef habe das Ende des Technologiebooms zu spät gesehen. Zeitschriftenverleger Steve Forbes forderte im vergangenen Jahr gar "ökonomisches Viagra" für Greenspan, um die Notenbankpolitik wieder auf Kurs zu bringen.

Als Nachfolger ist John Taylor (55) im Gespräch, zur Zeit im Finanzministerium Staatssekretär für internationale Angelegenheiten. Der Wirtschaftsprofessor der angesehenen Stanford-Universität hat sich mit der nach ihm benannten Taylor-Formel über die Bindung von Zinsentscheidungen an Inflationsrate und Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft bereits in die Geschichtsbücher eingetragen.

"Wenn er seine Karten richtig spielt, könnte er Fed-Vorsitzender werden", meinte die Zeitschrift "BusinessWeek". "Es ist aber nicht klar, ob Taylor genügend politischen Scharfsinn und die Glaubwürdigkeit an der Wall Street für den Fed-Job hat." Auch dem Chef des Wirtschaftsberaterstabs im Weißen Haus, Lawrence Lindsey (47), werden Chancen auf den prestigeträchtigen Job eingeräumt. Der schenkt den Rücktrittsgerüchten öffentlich keinen Glauben. Das habe er in den vergangenen zehn Jahren mindestens 20 mal gehört, meinte er.

Amtszeit wurde schon dreimal verlängert

Die Amtszeit Greenspans, dem der damalige Präsident Ronald Reagan 1987 die Zügel der mächtigsten Notenbank der Welt in die Hand gab, wurde schon drei Mal verlängert. In den gut 14 Jahren erlebte Greenspan vier Präsidenten. Nur einer seiner Vorgänger stand länger an der Spitze der Fed. Seine Amtszeit dauert eigentlich noch gut zwei Jahre, doch sei ein Wechsel 2004, Mitten im Präsidentenwahljahr, ungünstig, meinen Analysten.

Vielleicht bleibt Greenspan - Markenzeichen: Schachtelsätze mit komplizierten Wortschöpfungen, aus denen "Börsenbeweger" wie im Kaffeesatz lesen müssen - seinen Fans deshalb noch eine Weile erhalten. Freunde versichern, dass Greenspan an seinen Job noch größte Freude habe. Vergessen ist das Versprechen an seine zweite Frau Andrea Mitchell, die er 1997 - nach kurzer Ehe in jungen Jahren und 44-jährigem Junggesellendasein - ehelichte, demnächst kürzer zu treten. Um den Wechsel im Wahljahr 2004 zu vermeiden, trauen Freunde dem alten Politprofi auch die Annahme einer fünfte Amtszeit zu.

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