EZB Noch sechs oder elf Monate?

Banken-Umfrage - Notenbankchef Duisenberg könnte nach Expertenmeinung schon im Sommer abtreten.

Hamburg - In der Finanzbranche wird mit einem Ausscheiden des EZB-Präsidenten Wim Duisenberg nach Angaben der "Financial Times Deutschland" in den nächsten 12 Monate gerechnet.

Eine Umfrage bei 20 bedeutenden Banken habe ergeben, dass elf der befragten Institute davon ausgingen, Duisenberg werde sein Amt nicht weiterführen.

Drei der EZB-Beobachter rechneten bereits im Sommer oder Herbst mit einem Rücktritt, obwohl Duisenberg im Dezember erklärt habe, er wolle noch mindestens bis Ende dieses Jahres im Amt bleiben. Keiner der Umfrage-Teilnehmer erwarte, dass der 66-jährige Niederländer bis zum Ende seiner regulären Amtszeit Mitte 2006 EZB-Präsident bleibt.

Neubesetzung - Kandidatenkarussell dreht sich

Duisenberg war 1998 vor seiner Ernennung vom französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac die Erklärung abgepresst worden, er werde voraussichtlich aus Altersgründen nicht seine gesamte Amtszeit ableisten. Chirac wollte Frankreichs Notenbank-Chef Jean-Claude Trichet in das EZB-Spitzenamt heben.

Die ungeklärte Frage, ob Frankreich bald den EZB-Präsidenten stellen kann, macht die anstehende Neubesetzung des Postens des EZB-Vizepräsidenten sehr schwierig. Der derzeitige Inhaber, der Franzose Christian Noyer, scheidet nach den Angaben Ende Mai planmäßig aus dem Amt. Würde Frankreich einen Nachfolger benennen, wäre ein zweiter Franzose im sechsköpfigen Direktorium als Präsident der EZB politisch nicht mehr durchzusetzen. Verzichtet Frankreich dagegen, wäre auf unbekannte Zeit kein Franzose im EZB-Direktorium vertreten.

Politikum zur Wahl in Frankreich

Eine Klarstellung seiner Absichten durch den EZB-Präsidenten würde nach Einschätzung der meisten Bankvolkswirte wenig nützen. "Wir sehen darin vor den Wahlen in Frankreich keinen Beitrag zur Klärung der Lage", sagte Veronique Riches-Flores von der Société Générale in Paris.

"Er sollte nicht mehr als die im Wirtschaftsleben üblichen sechs Monate vor seinem beabsichtigten Ausscheiden eine Ankündigung machen, um sich nicht selbst zu schwächen", sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt von Invesco Asset Management in Frankfurt.