Flowtex "Harry-Potter-Phänomen"

Der für den Milliardenbetrug der Flowtex-Gruppe hauptverantwortliche Angeklagte Manfred Schmider ist dem ersten psychiatrischen Gutachten zufolge voll schuldfähig.

Mannheim - Schmider leide nicht an einer seelischen Krankheit, sagte der Gießener Psychologe Willi Schumacher am Dienstag im Flowtex-Prozess vor dem Mannheimer Landgericht aus.

Neben Schmider sitzen auch die Geschäftsführer Klaus Kleiser, Angelika Neumann sowie der ehemalige Commerzbanker und Flowtex-Finanzchef Karl Schmitz auf der Anklagebank.

Schmider, auf dessen 50. Geburtstag noch eine solch illustre Persönlichkeit wie Baden-Württembergs ehemaliger Ministerpräsident Lothar Späth die Laudatio gehalten hatte, und seinen Kompagnons wird vorgeworfen, unter anderem durch den Handel mit 3000 nicht existenten Bohrsystemen für den unterirdischen Leitungsbau einen strafrechtlichen Schaden von über vier Milliarden Mark (über 2,05 Milliarden Euro) angerichtet zu haben. Experten sprechen bereits von dem größten Wirtschaftsskandal in der Geschichte der Bundesrepublik.

Nötig geworden war das psychiatrische Gutachten nach Bekanntwerden von Schmiders ausschweifendem Lebensstil. Nach Aussage des Flowtex-Insolvenzverwalters hatte Schmider über 360 Millionen Mark Flowtex-Gelder abgezweigt. Mit dem Geld hatte sich der ehemalige Gebrauchtwagenhändler vor seiner Verhaftung seinen pompösen Lebensstil mit Villen in Florida, der Schweiz, Uruguay und auf Ibiza sowie drei Privatflugzeugen - eines davon 88 Millionen Mark teuer - finanziert.

Nachdem diese Fakten bekannt geworden waren, wurde Schmider für 14 Tage zur psychiatrischen Beobachtung in ein Krankenhaus verlegt. Dieser Aufenthalt sollte zur Klärung in der Frage beitragen, ob Schmiders vermuteter Größenwahn (Megalomanie) seine Schuldfähigkeit beeinträchtigt.

Nach Meinung von Gutachter Schumacher könne man zwar im Fall Schmider von einem "Harry-Potter-Phänomen" der halluzinatorischen Wunscherfüllung sprechen. "Für echte geistige Störungen gibt es aber keine Hinweise."

Trotz megalomaner Züge liege kein Größenwahn vor. Schmider habe sein ganzes Leben einen Kampf gegen Minderwertigkeitsgefühle und Selbstzweifel geführt. "Dieses innere Image des Gebrauchtwagenhändlers, das hat er all die Jahre zu überwinden versucht." Schmider sei ein Getriebener gewesen: "Immer größer, immer mehr, immer weiter."

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