Die Malik-Kolumne Unnötiges Lehrgeld

Finanzwirtschaftliche Exzesse endeten schon immer in Panik und Kollaps. Ein zu hoher Preis für die schlichte Rückbesinnung auf eherne Wahrheiten des Wirtschaftens.
Von Fredmund Malik

In der gesamten Wirtschaftsgeschichte gibt es nicht einen einzigen Fall, wo finanzwirtschaftliche Exzesse gut ausgegangen wären, wo es eine Stabilisierung auf hohem Niveau oder ein Softlanding gegeben hätte. Es gibt auch keinen Fall, in dem die Exzesse, die jeweils auf der Hand lagen und leicht erkennbar waren, nicht damit gerechtfertigt worden wären, dass diesmal alles neu und daher ganz anders ist. Regelmäßig hat sich der Glaube daran als eine Mischung aus geschichtlicher und wirtschaftlicher Unkenntnis sowie Naivität, vielleicht auch Dummheit entpuppt. Zusätzlich haben immer auch drei Turbotreiber an den Finanzmärkten eine entscheidende Rolle gespielt - Schulden, Gier und Angst.

Novum: Medien als Bestandteil des Spektakels

Alles zusammen ergibt einen Stimmungscocktail, der massenpsychologisch gut erforscht ist, sowohl seine zunächst unmerkliche Entstehung als auch seine Verlaufsdynamik und sein Ende in Kollaps und Panik. Das Grundmuster ist immer dasselbe, nur die Erscheinungsform, die Verpackung, ist jeweils anders. Diese ist es auch - als Einziges - was diesmal wirklich neu und anders ist: die mediale Perfektion, die das Geschehen nicht nur begleitet, sondern Teil desselben ist. Es ist schwer vorstellbar, dass die Professionalität des Entertainments, mit der die Börsen- und Finanzszenerie präsentiert wird, noch wesentlich übertroffen werden kann. Das wird erst zu Ende sein, wenn das programmierte Desaster perfekt ist. Dann werden n-tv, Bloomberg und CNBC leise die Tickerbänder abstellen, die Scheinwerfer löschen und das Senden einstellen, sagen wir, in zwei bis drei Jahren, weil bis dahin jede Bearmarket-Ralley noch Hoffnungen wecken wird.

Alte Wahrheiten teuer erkauft

Das Ende solcher Epochen war, wie erwähnt, immer gleich: Kollaps und Panik, die Vernichtung nicht nur aller Scheinwerte, die vorher als solche nicht erkannt wurden, darüber hinaus auch vieler echter Werte, die in den Malstrom der Übertreibungen hineingerissen werden, und eine lange Zeit wirtschaftlicher Verwüstung. Das Lehrgeld, das zu zahlen war, nicht um Neues zu lernen, sondern um zu den ehernen Wahrheiten des Wirtschaftens zurückzufinden, war jeweils groß. Es kann nicht als Bildungsinvestition verbucht werden, sondern geht als Schadenszahlung direkt in den Aufwand.

Moneyburnrate - ein Dummheitsindikator

Praktisch alles, was wichtig ist für eine gesunde Wirtschaft, wird in solchen Perioden nicht nur ignoriert, sondern als altmodisch und überholt taxiert. Hier nur drei Beispiele: Ein erstes ist, dass richtig verstandene Innovation so gut wie nichts mit Ideen als solchen zu tun hat, sondern ausschließlich mit der Realisierung von Ideen. Das meiste, was in den letzten Jahren bombastisch als Start-ups bezeichnet wurde, sind noch nicht einmal ausreichend durchdachte Ideen gewesen, ganz zu schweigen davon, dass man sie mit dem vorherrschenden Infantil-Management in die Nähe der Realisierung hätte bringen können. Die Moneyburnrate ist somit ein zwar drastischer, aber recht akkurater Indikator für geschäftliche Unerfahrenheit und Dummheit.

Kurse steigen nicht ewig

Ein zweites Beispiel ist, dass Leistungskraft und Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens zu keinem Zeitpunkt von den Emissionserlösen und Aktienkursen abgeleitet werden können. Ein drittes ist, dass Aktienkurse zwar langfristig immer nur steigen mögen, dass das aber für die Praxis der Geldanlage völlig bedeutungslos ist, weil niemand lange genug lebt, um "langfristig" abzuwarten. Wer 1929 Aktien gekauft hatte, damals im selben naiven Vertrauen auf deren langfristig immerwährendes Steigen wie heute, musste immerhin bis 1956 warten, bis sie wieder denselben Wert hatten, falls er nicht ohnehin das Pech hatte, jene Papiere zu besitzen, die das Jahr 1932 gar nicht überlebten, weil die Firmen in den Bankrott gingen. Wer die These vom ewigen Steigen der Kurse mit dem Dow-Jones-Index belegen zu können glaubt, sollte sich im Kleingedruckten wenigsten vor der Prospekthaftung schützen, denn der Dow-Jones-Index von 1929 war etwas ganz anderes als jener von 1933, weil dazwischen viele der im Index enthaltenen Firmen pleite und vom Kurszettel verschwunden waren.

Begleitphänomen: Kreative Buchhaltung

Was solche Perioden vor allem bringen, ist Kreativität - leider am falschen Ort, nämlich kreative Buchhaltung und zweckgerichtetes Schönen ökonomischer Zahlen. Hätte man in den USA die an die Mitarbeiter anstelle von Löhnen ausgerichteten Stock Options ordnungsgemäß verbucht, so wären die Gewinne der Jahre 1998 und 1999 um rund die Hälfte niedriger gewesen, und würden die Informatikinvestitionen in den USA richtig gerechnet, so hätte die Wachstumsrate des Sozialproduktes im selben Zeitraum bestenfalls zwei Prozent betragen. Weder ein Grund, von einem Boom zu reden noch von einer New Economy. Grund genug aber, drei Gefahren ernst zunehmen: Phantasiebewertungen, extreme Privat- und Unternehmensverschuldung und ein dramatisches Deflationspotenzial.

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