Freitag, 18. Oktober 2019

Berufsakademien Doppelt genäht

Wer hier studiert, macht zwei Abschlüsse gleichzeitig und steigt schnell auf. Doch die Bewerber müssen auf vieles verzichten - die akademischen Freiheiten sind begrenzt, das Lernpensum ist enorm.

Den Tag, an dem Boris Sonntag (23) ein Geschäft über 25 Millionen Euro besiegelte, wird er nicht vergessen. Er, der junge Spund, sprach mit dem souverän auftretenden Kunden am Telefon jedes Detail durch und sagte ihm schließlich, dass alles gebongt sei. "Das war schon ein fantastisches Gefühl."

Sonntag steckte im Juli 1999 noch in der Ausbildung bei der Stuttgarter GZ-Bank. Natürlich durfte er den Deal nicht allein abwickeln; die Kollegen von der Handelsabteilung hatten alles vorbereitet.

Doch ihm blieb der Stolz. Und der faszinierende Eindruck vom scheinbar leichten Umgang der Wertpapierhändler mit dem großen Geld.

Seit jenem Tag steht für Sonntag fest, dass er ins Investmentbanking will. Die Voraussetzungen für seinen Traumjob bringt er mit: Sonntag hat gerade seine Ausbildung abgeschlossen ­ als Bankkaufmann und zugleich als Diplombetriebswirt (BA).

Das Kürzel "BA" verrät, dass sich Sonntag für einen Weg entschieden hat, den Fachleute als "duales Studium" bezeichnen. Sonntag ging nach dem Abitur zur GZ-Bank und wurde mit der Unterschrift unter dem Ausbildungsvertrag automatisch Student der Berufsakademie in Stuttgart.

Das Modell basiert auf einem Drei-Monats-Rhythmus, in dem sich unternehmensinterne Praxis und Studium abwechseln: jeweils ein Vierteljahr arbeitete Sonntag in verschiedenen Abteilungen der Bank, dann saß er wieder in den Seminarräumen der Akademie, büffelte Corporate Finance oder brütete über Finanzplanungssystemen. Insgesamt drei Jahre lang.

Die meisten und renommiertesten Berufsakademien gibt es in Baden-Württemberg, seit einiger Zeit kopieren andere Bundesländer das schwäbische Vorbild. Zudem bieten einige Fachhochschulen duale Studiengänge an.

Ständig entstehen neue Ausbildungsgänge, denn die Nachfrage nach BA-Diplomen für Betriebswirte, Informatiker, Ingenieure und Sozialpädagogen ist sprunghaft gestiegen.

 Thomas Sattelberger, Bereichsvorstand der Lufthansa
Thomas Sattelberger, Bereichsvorstand der Lufthansa
Prominente Absolventen von Berufsakademien preisen die zweispurige Ausbildung. Von der "Praxisnähe des Lehrbetriebs und der Berufserfahrung", die er während des Studiums sammeln konnte, schwärmt Thomas Sattelberger (52), heute Bereichsvorstand der Lufthansa.

Kritiker hingegen, vornehmlich Vertreter der Universitäten, vermissen die wissenschaftliche Basis. So beklagt Jürgen Zabeck (69) von der Uni Mannheim die "mangelnden analytischen und konstruktiven Fähigkeiten der BA-Absolventen".


Berufsakademien

Die Verknüpfung von Studium und firmeninterner Ausbildung garantiert einen schnellen Aufstieg. mm zeigt neben den Chancen auch die Kehrseite der Karriere-Medaille.


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