Achten Sie auf Harvey Pitt

Seine größten Erfolge feierte der New Yorker Wirtschaftsanwalt in Verfahren gegen die Securities and Exchange Commission. Jetzt soll er die Führung der Börsenaufsicht übernehmen. Wieder einmal geht es um die alte Frage: Kann der Bock ein Gärtner sein?

New York - Das Wertpapierwesen als solches, man macht sich das ja viel zu selten klar, ist ein Mysterium. Mal beiseite, dass noch immer keiner vorher weiß, wie hoch die Kurse steigen, wie tief sie fallen; und ganz beiseite, ob sie es überhaupt tun. Das größte Rätsel bleibt, dass sich all das Kaufen und Verkaufen, das Zocken und Verjubeln in den Bahnen eines wohl halbwegs geordneten Miteinanders bewegt.

In den USA wacht über die Regeleinhaltung die eiserne Securities and Exchange Commission (SEC), eine Macht, deren Führung nun dem New Yorker Anwalt, ach was, Staranwalt Harvey Pitt (56) angetragen wurde.

Nicht jeder, sagen wir: Finanzexperte könnte den Wertpapierhandel hinreichend fachmännisch beaufsichtigen. Dies vermögen, weil's gar mysteriös ist, nur Mystiker des Kapitals: Damen und Herren mit tiefen Kenntnissen von der lichtlosen Seite der Seele und den Hinterhalten der Raffgier. Idealerweise sollte die SEC führen, wer sie austricksen könnte.

Der erste Amtsvorsteher war ein Alkoholschmuggler, der in der Prohibition das Familienvermögen begründete. Der Mann, Joseph Kennedy, hatte zudem das alte Handwerk der Kursmanipulation so meisterhaft praktiziert, dass Präsident Roosevelt ihn zum SEC-Intendanten berief.

Das ist nun zwar auch schon wieder 67 Jahre her, doch hochnotpolitisch ist die Chefpostenvergabe geblieben: Weil die Arbeit der SEC an den innersten Kern der amerikanischen Wirtschaftsweisen rührt, kümmert sich jeder neu gewählte Präsident ganz persönlich.

In diesem Fall heißt der Kandidat von George W. Bush also Harvey Pitt. Der Mann ist Experte für Wirtschafts- und Wertpapierrecht, er ist Mitglied der Republikanischen Partei. Und ein Politikum ist er auch.

Wie Kennedy kennt Pitt das Gewerbe von hinten: als (meist erfolgreicher) Anwalt von Menschen und Mächten, die Probleme mit der SEC hatten. Pitt vertrat den Finanzjongleur Ivan Boesky und die New York Stock Exchange, die Securities Industry Association und die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

Kann Pitt, rätseln Idealisten, jene Menschen und Mächte überwachen, die ihm bisher ein Jahressalär von sechs, sieben oder werweißwievielen Millionen Dollar garantierten?

Banker hoffen nun, dass der Neue einige der von seinem Vorgänger Arthur C. Levitt in die Wege geleiteten Ärgernisse beseitigt, die für mehr Durchblick im Börsengeschehen sorgten: So zwingt die "Regulation Fair Disclosure" Unternehmen, nicht mehr nur ausgewählte Analysten und Investoren über kursrelevante Vorgänge zu informieren, sondern die gesamte Öffentlichkeit.

Namentlich Harvey Pitt hatte gegen diese egalitäre Bestimmung flammend aufbegehrt - jedenfalls als ihn seine Kundschaft fürs flammende Aufbegehren prima honorierte.

Dass Pitt als SEC-Chef womöglich wieder die Meinung wechselt, ist nur für Moralfetischisten ein Problem: Seit mehreren Jahrtausenden ist es möglich, dass Leute heute dies sagen und morgen das andere tun. Und sie machen es.

Klaus Boldt, New York


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