Reinhard Mohn Der Patriarch aus Gütersloh

Vom Lesering zum Medienkonzern - der Bertelsmann-Patron wurde am Freitag 80 Jahre alt.

Gütersloh - Stars aus dem Musikbusiness sind bei Bertelsmann ebenso unter Vertrag wie die berühmtesten Buchautoren der Welt. Der Name des weltweit operierenden Medienkonzerns leuchtet weithin sichtbar am Times Square in New York, dort wo das Leben hektisch pulsiert. Der Mann, der den Konzern schuf, lebt weit entfernt in einer beschaulich wirkenden deutschen Kleinstadt und blickt von seinem Schreibtisch auf einen Teich mit einem aufgeschütteten Hügel. Die Mitarbeiter nennen es die "Gütersloher Alpen".

Vom Vater in die Pflicht genommen

Im ostwestfälischen Gütersloh wurde Reinhard Mohn, der am Freitag 80 Jahre alt wird, geboren. Und bis heute ist er dort oft in seinem Büro anzutreffen. Es war eher eine praktische Überlegung, das Kühlwasser aus der nahe gelegenen CD-Produktion in einen künstlichen See zwischen die beiden Glasgebäude von Konzern und Stiftung fließen zu lassen. Denn praktisch ist der Ur-Ur-Enkel des Verlagsgründers Carl Bertelsmann durch und durch.

Als der 25-jährige Ex-Leutnant des Afrikakorps 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft heimkehrte, wollte er Ingenieur werden. Doch der Vater wünschte, der Sohn möge in das familieneigene Druck- und Verlagshaus eintreten. Mohn stellte sich der neuen Aufgabe und übernahm kurz darauf die Leitung des Hauses. Damit begann eine der bemerkenswertesten Unternehmerkarrieren im Nachkriegsdeutschland. Die Erfolgsgeschichte des Hauses Bertelsmann beginnt mit der Idee des "Bertelsmann-Leserings" im Jahr 1950.

Der Umsatz verdoppelte sich zwar Jahr um Jahr, doch die Kapitalbasis blieb dünn. "Da habe ich mir gesagt, gib alles, was du erwirtschaftest, nicht der Steuer, sondern deinen Mitarbeitern - die haben sich gefreut und gaben das Geld als Darlehen zurück." Seit 1972 sind die Mitarbeiter bei Bertelsmann auch am Gewinn beteiligt.

In über 40 Jahren beruflichen Engagements führte Mohn das einst mittelständische Druck- und Verlagshaus in die Spitzengruppe der internationalen Medienunternehmen. Die Bertelsmann AG mit über 76.000 Mitarbeitern in mehr als 50 Ländern und einem Umsatz von über 40 Milliarden Milliarden in diesem Jahr ist maßgeblich sein Werk.

Erfolgsrezept: Immer offen für guten Rat

Mohn war ein klassischer Selfmademan. Er organisierte den Erfolg nach einem einfachen Rezept: Weltweit holte er sich Rat, besuchte vergleichbare Betriebe, fragte die Verantwortlichen und setzte die gewonnenen Erkenntnisse entsprechend den Bedingungen daheim um. Doch das ist lange her: Mit 60 Jahren wechselte er vom Vorstandschef zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates, mit 70 verabschiedete er sich und steht der 1977 gegründeten Bertelsmann-Stiftung vor.

Seither mischt er sich in die gesellschaftlichen Belange ein. "Menschlichkeit gewinnt", so lautet die Kurzformel für seine Führungs- und Organisationsphilosophie in der Arbeitswelt und der Weiterentwicklung des Gemeinwesens. Seine Bertelsmann-Stiftung fördert die Reform des deutschen Schulwesens, baut öffentliche Bibliotheken und kümmert sich um effizientere Verwaltungsabläufe.

Finanziert wird das gesellschaftspolitische, kulturelle und soziale Engagement der Stiftung durch das Eigentümermodell Mohns: 68,8 Prozent seiner Kapitalanteile an der Bertelsmann AG übertrug er auf die Bertelsmann-Stiftung. Aus den Gewinnen wird die Stiftungsarbeit finanziert, ohne dass mit der Übertragung der Kapitalanteile ein Stimmrecht verbunden wäre.

Auf dem Weg zum Börsen-Schwergewicht

Die Stimmrechte hat Mohn nun auf eine Bertelsmann Verwaltungs GmbH übertragen. Sie besteht aus Spitzenmanagern sowie Vertretern der Mitarbeiter und der Familie. Eine Eigentümer-Familie könne nicht garantieren, dass dauerhaft stets geeignete Unternehmer zur Verfügung stehen, lautete die Begründung für diesen Schritt. Ein Welt-Konzern wie die Bertelsmann AG sei keine Familienangelegenheit mehr. Deshalb werde die Kontinuität und Unabhängigkeit des Unternehmens durch das neue Gremium gewährleistet.

Kaum war diese Regelung ein Jahr alt, brach der Gründer das selbst-postulierte Tabu: Den Gang an die Börse. Das verhinderte in den letzten Jahren den Zugang zu den Geldquellen der Globalisierung und offenbarte die größte Schwäche des Traditionsunternehmens. Er änderte seine Haltung, zeigte sich auch im 80. Lebensjahr außerordentlich flexibel und machte den Weg frei, damit Bertelsmann in drei Jahren zum Börsen-Schwergewicht wird. "Ich arbeite jetzt seit 55 Jahren und bin dabei auch ungewöhnliche Wege gegangen. Man muss sich bisweilen eben etwas einfallen lassen."

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