Hall of Fame 2001 - Laudatio Otto Graf Lambsdorff

Keine Auszeichnung für Wirtschaftsgrößen kann es mit der "Hall of Fame" des manager magazin aufnehmen, meint Hans-Olaf Henkel. Lesen Sie seine vollständige Lobesrede auf den diesjährigen Laureaten Otto Graf Lambsdorff.

"Es gibt keinen Mangel an Auszeichnungen für Wirtschaftsführer in Deutschland. Der "Ökomanager des Jahres", der "Manager des Jahres", ungezählte andere Preise werden verliehen von Wirtschaftsmagazinen und Stiftungen, Wissenschaftsorganisationen und politischen Würdenträgern.

Keine dieser Auszeichnungen kann es mit der Aufnahme in die "Hall of Fame" des manager magazin aufnehmen.

Woran das liegt? Nun, ich glaube an der Nachhaltigkeit der Auszeichnung.

Wenn Sie mal zum Ökomanager des Jahres ausgezeichnet wurden, dann kann Ihnen der Naturschutzbund schnell die Auszeichnung des "Dinosauriers des Jahres" hinterherwerfen. Schon ist der Preis, für die Umweltschützer jedenfalls, nichts mehr wert.

Zuviel Ruhm macht blind

"Manager des Jahres"?1 Nun, ich will niemandem hier zu nahe treten, aber ich gebe jedem den Rat: Wenn ein deutscher Vorstandsvorsitzender zum "Manager des Jahres" gewählt wird, verkaufen Sie sofort die Aktien seines Unternehmens. Zu oft, und ich habe genau diesen Fehler immer wieder selbst gemacht, hält man sich im Zenit des Ruhmes nicht nur selbst, sondern auch die Umgebung einen für unfehlbar.

Und genau in dieser Situation wird die Saat der nächsten Katastrophe gesät. Er ist eben dann nur der "Manager des Jahres" und nicht notwendigerweise noch des nächsten Jahres.

Hier zählt das Lebenswerk

Die Aufnahme in die "Hall of Fame" bedeutet ein Urteil über das Lebenswerk eines Mannes oder einer Frau. Zwar ist das meist noch nicht abgeschlossen, aber es wurden ja schon Mitglieder "post mortem" in die "Hall of Fame" aufgenommen. Eine gerechte Geste im Gegensatz zum Nobelpreis, der meist nur für Leistungen vergeben wird, die zwar lange zurückliegen, aber er geht eben nur an die, die das Glück hatten, die Auszeichnung noch zu erleben.

Auch nach viel späterer Bewertung muss man sagen, dass alle Mitglieder der "Hall of Fame" dort zu Recht aufgenommen wurden. Ich wurde daran noch einmal besonders erinnert, als wir Tyll Necker zu Grabe getragen haben. Mein Vorgänger und mein großes Vorbild ist Mitglied dieser elitären Gruppe und das Schöne an dieser Auszeichnung: er bleibt es.

Kraftvoller Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft

Derjenige, den ich durch eine Laudatio zu ehren die Ehre haben, ist ein ganz besonderer Fall: Er rekrutiert sich nicht nur aus dem klassischen Kreis der anderen Kollegen, die bereits in die "Hall of Fame" aufgenommen wurden. Seine bisherigen Lebensleistung hat er in vielen nicht wirtschaftlichen Feldern erbracht, die aber alle mit Wirtschaft zu tun haben.

Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass viele seiner schon geehrten Kollegen überhaupt in dieser Ehren-Gruppe sind.

Nun, eins nach dem andern: Was ist Otto Graf Lambsdorff für uns und den Laudator?

1 Anmerkung der Redaktion: Die Auszeichnung "Manager des Jahres" wird durch das manager magazin vergeben. Zuletzt gekürt: Preussag-Chef Michael Frenzel für den mutigen Umbau seines Unternehmens zum Touristik-Konzern.

Der "Marktgraf"

Erhards Nachfolger

Mir ist die genaue Begründung für seine Wahl in die "Hall of Fame" nicht zugänglich gemacht worden. Das ist auch gar nicht nötig, denn für jeden hier und die meisten draußen, die aktiv am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen, ist sein Name synonym mit dem eloquentesten und kraftvollsten Verfechter dieser Ordnung nach Ludwig Erhard.

Die drei Aussagen:

  • "Otto Graf Lambsdorff ist Ludwig Erhards Nachfolger",
  • "Otto Graf Lambsdorff selbst hat immer noch keine Nachfolger" und
  • "Dabei wäre es heute so nötig wie noch nie, einen solch glaubwürdigen, kraftvollen und eloquenten Vertreter dieser Ordnung zu haben",
beschreiben eigentlich am besten, warum er in die "Hall of Fame" aufgenommen wird, aber auch, warum er uns so fehlt.

Graf Lambsdorff ist Jurist. Herr Strube*, Sie können ja darüber ein eigenes Lied singen: darüber stolpert man öfter in unseren Kreisen. Aber Otto Schlecht, ein alter Weggefährte des Geehrten, sagte in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung der Ludwig-Erhard-Medaille an Otto Graf Lambsdorff sinngemäß, dieser gehöre als promovierter Rechtsanwalt zu der kleinen, aber für die Soziale Marktwirschaft überaus wichtigen Gruppe von Juristen, die etwas von wirtschaftlichen Zusammenhängen verstehen.

Stöckelschuhe, nein danke!

Kein Wunder, möchte man sagen, er hatte ja auch selbst viele Erfahrungen in der Wirtschaft gemacht. Generalbevollmächtigter des Bankhauses Trinkaus, im Vorstand der Victoria-Rückversicherung, Mitglied in vielen Aufsichts- und Beiräten, Vertreter der Interessen unabhängiger Aktionäre und so weiter.

Heute wird an allen Ecken und Enden über die "Neue Soziale Marktwirtschaft" diskutiert. Ich nehme mal an, Graf Lambsdorff kann damit so wenig anfangen wie ich, denn wir brauchen eigentlich nur die Rezepte zu verschreiben und vor allen Dingen einzunehmen, die er seit Jahren verschreibt.

Graf Lambsdorff hat Mut – immer und überall. Ein kleines Beispiel: Lädt er uns in sein schönes Bonner Haus ein, dann kann man schon mal den Hinweis auf der Einladung lesen, doch bitte auf Stöckelschuhe zu verzichten. Ein großes Beispiel: Die Scheidungsurkunde der sozialliberalen Bundesregierung, ausgestellt 1982. Das so genannte Wendepapier, sein Papier. Darin forderte er eine "Wende" in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik.

Viel mehr als der "Marktgraf"

Wir wissen, wir brauchen heute wieder eine. Alle hier Anwesenden brauchten jetzt nur dieses Lambsdorff-Papier zu unterschreiben, mit dem heutigen Datum zu versehen und an Bundeskanzler Schröder zu senden. Wenn ich mir die hochkarätige Runde hier ansehe, dann könnte es einen ähnlichen Effekt haben wie das damalige Lambsdorff-Papier.

In seinem Papier brachte Lambsdorff die Sache so auf den Punkt: "Die schlimmste soziale Unausgewogenheit wäre eine andauernde Arbeitslosigkeit von zwei Millionen Erwerbsfähigen". Es gäbe heute also einen doppelten Grund für eine Wende.

Otto Graf Lambsdorff ist aber mehr, viel mehr als der "Marktgraf".

Der Vollblut-Liberale

Spannendes Rasieren

Seit seinem Eintritt in die FDP 1951 hat sich Graf Lambsdorff für liberale Ideale eingesetzt. Seine Karriere in der FDP ist atemberaubend.

Ich will uns alle Stationen ersparen - aber noch einmal in Erinnerung rufen, dass er diese Partei als ihr Chef von 1988 bis 1993 führte. Unter seiner Führung erzielte die FDP in der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl elf Prozent der Stimmen.

Das wurde vor wenigen Wochen nicht einmal im klassischen liberalen Heimatland Baden-Württemberg erzielt. Und selbst Mister 18 Prozent hat es in seinem Bundesland nicht erreicht.

Was waren das noch für Zeiten, als Otto Graf Lambsdorff sagen konnte: "Es gibt drei Parteien und eine wichtige." Und wie vermissen wir diese Rundfunkinterviews morgens um 7 Uhr, die einen dann beim Rasieren anhalten und zuhören ließen.

Die besseren Argumente

Wenn ich sage: "Liberaler durch und durch", dann heißt das auch, dass ihm freiheitliches Gedankengut für die Gestaltung der Wirtschaft nie genügt hat. Zu Recht hat er bei der Abstimmung über den so genannten "Großen Lauschangriff" gegen die Parteilinie gestimmt.

Und dass Graf Lambsdorff noch heute großen Einfluss auf die Partei hat, liegt nicht etwa daran, dass er ihr Ehrenvorsitzender ist, sondern daran, dass er immer noch die besseren Argumente hat. Wenn sich die FDP als erste und bisher einzige Partei dafür ausgesprochen hat, das unfreiheitliche Tarifkartell von BDA und DGB zu knacken, liegt das an ihm.

Der Föderalist

Von den Kleinen lernen

Ich glaube, dass Otto Graf Lambsdorff skeptisch gegenüber der Größe als Wort an sich eingestellt ist. Viele seiner Kommentare über Institutionen, die auch hier heute vertreten sind, lassen mich das vermuten.

Nicht, dass er so die "Größe" seiner Partei verteidigt hätte, aber Otto Graf Lambsdorff weiß, dass Größe nicht nur Vorteile, sondern oft noch mehr Nachteile mit sich bringen kann.

Der Chef eines großen Unternehmens beschäftigt sich all zu oft lieber mit seinen als mit den Visionen seiner Kunden. Ein Problem kann man dort am besten lösen, wo man sich mit ihm auch am besten auskennt. Das heißt, man muss auch ein großes Gebilde mit den Rezepten der Kleinen lösen.

Es ist dann auch gar kein Wunder, dass Otto Graf Lambsdorff sich als derzeitiger Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung besonders für die Renovierung des Föderalismus engagiert. Ein Föderalismus, der zwar von der Verfassung vorgegeben, aber durch viele Gesetze, Kommissionen und Absprachen regelrecht verlottert ist, wie man an der Bildungspolitik am besten erkennen kann.

Wunderwaffe Wettbewerb

Föderalismus heißt für ihn ja nicht nur, dass das Führen kleiner Einheiten sowohl in der Wirtschaft als auch beim Staat einfacher, kunden- beziehungsweise bürgerfreundlicher ist. Es heißt für ihn ganz besonders, dass man Wettbewerb zwischen kleineren Einheiten zu Gunsten eines insgesamt stärkeren Ganzen organisieren muss.

Sein Rezept für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Gesellschaft? Wettbewerb!

Otto Graf Lambsdorff als "Marktgraf", als Liberalen und als Föderalist zu beschreiben, ist schon eine ganze Menge. Aber das erfasst ihn immer noch nicht ganz.

Der Menschenrechtler

Einsatz für den Dalai Lama

Dass Otto Graf Lambsdorff seine langgehegte humanitären Grundsätze nicht für kurzfristiges Geschäft über Bord wirft, erfuhr ich bei meinem ersten Treffen mit dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng in Peking.

Gegen den entschiedenen Protest der Chinesen lud Graf Lambsdorff den Dalai Lama zur Naumann-Stiftung ein. Das machte ihn in China endgültig zur Persona-Non-Grata. Und Herr Kinkel und Herr Henkel mussten dann extra nach Peking und hatten vor Ort alles Hände voll zu tun. Graf Lambsdorff Eintreten für die Menschenrechte ist für mich das ganz Besondere an seinen vielen Seiten.

Und deshalb war es für mich auch keine Überraschung, dass Bundeskanzler Schröder ihn bat als es um die Entschädigung für die Zwangsarbeiter in der Zeit des Nationalsozialismus ging. Ein Glücksfall, denn bei ihm kam eigentlich alles zusammen, was zur Lösung gebraucht wurde:

  • Klar, juristische Praxis,
  • politisches Geschick, die Erfahrung, wie man verhindert, über den Tisch gezogen zu werden,
  • Einfühlungsvermögen in die Situation der Opfer,
  • Geduld,
  • Mut, um dort zu sagen, wann die Geduld zu Ende ist,
  • noch mehr Mut, um hier zu sagen, dass es sich um eine moralische Verantwortung der ganzen Wirtschaft, auch der vielen Kleinen, handelt.
Legendärer Ruf im In- und Ausland

Da ist denn kein Wunder, dass er so einen legendären Ruf nicht nur bei uns hat, dass er – von der herrschenden Schicht in China ausgenommen – überall ein ganz besonders geschätzter Gesprächspartner ist. Vielleicht lüftet er heute noch ein Geheimnis, denn immer wenn ich in Indien, den USA oder Japan bin, leuchten die Augen der Gesprächspartner dann auf, wenn das Gespräch auf Graf Lambsdorff kommt. Ich behaupte einmal, dass es keinen deutschen Politiker gibt, der heute in Indien, in Japan oder in den USA bei der politischen und der Medien-Elite einen solchen Ruf hat, so bekannt ist und so verehrt wird, wie Graf Lambsdorff.

Meine Gratulation an die Jury zu Ihrer Wahl.

Meine Gratulation an Otto Graf Lambsdorff zu seiner Wahl. Sie sind eine Zierde für alle anderen Mitglieder dieser Wa(h)lhalla der deutschen Wirtschaft."

Hans-Olaf Henkel *

* Hans-Olaf Henkel war bis Dezember 2000 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Laudatio: Jürgen Strube über Berthold Leibinger


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