Porträt Haben war wichtiger als Sein

Unten liegt das weite Tal von Sils Maria in aller Pracht, die frisch verschneiten Pisten des Corvatsch gegenüber glitzern. Aber der Wind fegt eisig um die Clavadatsch-Hütte, wir müssen hinein, vors offene Feuer, da brutzeln wie immer Hühnchen und gerollte Würscht'.

"Ich hab' an mir, an allem gezweifelt. Eine Panik hab' ich gekriegt da drin", sagt Roland Ernst, der in St. Moritz in einer Wohnung seiner Kinder Ferien macht. "Tausend Gedanken schießen durch den Kopf. Man dreht sich im Kreis."

Hätte er schon bei Gallus II das Insolvenzverfahren beantragen sollen? Dann hätte er jetzt nicht noch ein Strafverfahren am Hals. Warum hatte er nicht den Mut zu einer ehrlichen Pleite? Ach, das sage sich heute leicht, meint er, 40 Jahre Arbeit, mein Lebenswerk stand doch auf der Kippe. Und er hatte die wahnwitzige Hoffnung, er könne es retten. "Ein Kaufmann, der hofft, hat schon verloren." Bankier Münnemann habe das gesagt, dieser Satz will ihm nicht aus dem Kopf.

Er sagt alles aus. Er will raus. Er hält es nicht aus. Die Geräusche. Halb sechs Uhr die Glocke. Das Klirren der Schlüssel, Eisen auf Eisen. Das Klappern des Frühstückswagens. Es gibt Brot und Margarine. Der Vollzugsbeamte hat Aidshandschuhe an. Eine Woche lang nur kaltes Wasser, ein einziges Handtuch. Darf ich duschen? Antrag stellen! Dann bist Du in 'ner Woche dran! Darf ich das Mineralwasser behalten? Es ist eine Plastikflasche. Hier wird nicht diskutiert! Zur Strafe darf er auf der Fahrt zur Staatsanwaltschaft nicht auf den Bänken des (leeren) Busses sitzen, wird in einer Ecke des Wagens in eine Zelle gepfercht. "Da passte ja grade rein", freut sich der Beamte.

"Schlecht geschlafen", schreibt er um 5.30 Uhr am 31. März. "Erkältung. Schnupfen. Habe wahnsinnig Durst nach etwas Frischem - Obst! Wasser!" Es ist der Tag seiner Entlassung, gegen vier Millionen Mark Kaution. Die Journalisten warten schon. Die Staatsanwältin schleust ihn durch die Tiefgarage raus. In der Bahnhofskneipe trinkt er erst mal drei Bier. Was tut das gut. Endlich was Kaltes.

Zu Hause schreibt er Briefe. Dem Freund Lothar-Günther Buchheim: "Bei mir bricht momentan alles zusammen." Verwandten: "... Ich selbst habe schlimme Tage hinter mir, die schlimmsten meines Lebens." Wie alle Beleibten hat er zarte Seiten. Musik kann ihn zu Tränen rühren. Jetzt ist er erschüttert bis ins Mark. "Du stellst alles in Frage. Dich selbst, alles."

Es gibt Brüche, Defizite, auch in diesem lange von den Göttern so gesegneten Leben. Der Vater, Möbelfabrikant in Eschelbronn bei Heidelberg, ermöglicht dem einzigen Sohn eine kultivierte Erziehung, mitunter weit über die eigenen finanziellen Möglichkeiten hinaus, schickt ihn auf Topinternate in Lausanne. Du brauchst Abitur. Studium. Fremdsprachen. Und am Ende geht die Karriere schneller, als es der BWL-Student Roland Ernst verkraften kann.

Mit 22 Jahren besitzt der junge Mann, der eigentlich von einer Karriere als Opernsänger oder Mediziner träumte, einen eigenen Möbelvertrieb, eine Ehefrau - und Zwillinge. 1964 baut er bereits eine Filiale in Bruchsal - und bricht, nachts, mit Blutdruck 280 zusammen. Ein ganzes Jahr liegt der 28-Jährige in der Klinik - mit allen Symptomen eines Herzinfarkts -, aber ohne wirklichen Befund. Die Krankheit ist eine Lebenskrise. Erst dank autogenen Trainings findet er in den Alltag zurück.

Ein Händchen für Geschäfte hat er von Anfang an; Geschick und Fleiß, im Innersten wohl auch Existenzangst. Der Sohn erlebt den Konkurs des Vaters. Da will man es besser machen. Doch übers Leben gesehen fehlt ihm letztendlich das Talent, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben. Zu oft säumen Speichellecker seinen Tisch. Bei seinem 60. Geburtstag, lacht er heute bitter auf, "da saßen lauter Gauner: Berthold Kaaf, Thomas Gatzka, May und Hadergasser ..." ­ inzwischen alle wegen Betrugs oder Bestechung oder Untreue verurteilt.

Auch fehlt Begabung für das private Glück. Ernst hat es nicht verstanden, seinen Beziehungen Tiefe, seinem Reichtum Würde zu geben. Zwar kaufte er zeitweilig Expressionisten wie andere Leute Designerschuhe. Seine Feriendomizile, ob am Tegernsee oder an der Cote d'Azur, wirkten seltsam, wie unbehaust, ließen jedwede Gediegenheit und kultivierte Behaglichkeit vermissen, da mischte sich neuer Reichtum mit Neckar-Provenzialismus. Haben war wichtiger als Sein.

Sibylle Zehle

Götterdämmerung

Der tiefe Sturz des Roland Ernst. Vom bedeutendsten Projektentwickler Deutschlands, vom geachteten Mäzen und hoch geschätzten Mitglied der Gesellschaft zum Wirtschaftskriminellen - manager magazin schildert die bittersten Monate des einstigen Immobilien-Tycoons.

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