Porträt Der Götterdämmerung erster Akt

"Er ist immer am Kommen oder am Gehen, hat Aufruhr in den Beinen und Milliarden bis hinters Komma im Kopf", schrieb der "Spiegel" 1996.

Die Baubranche konstatierte: "Wo immer man hinschaut, Ernst ist schon da", ja, manchmal wollte es scheinen, als stünde sein Learjet auf allen Flughäfen gleichzeitig: Leipzig. Dresden. Berlin. Ernst sagt: "Das war wie ein Rausch."

Goldgräberzeiten. Aber es ist nicht die Gier nach Gold allein. Berlin ist Ernsts Brasilia. Es ist der Spaß an den großen Möglichkeiten, spannenden Objekten, die Genugtuung über die neue Macht, den wachsenden Einfluss. Plötzlich war alles da: Respekt. Anerkennung. Größe. Die neuen Gründer werden in den neuen Ländern gefeiert, als Pioniere von den Politikern gehätschelt. Ein damaliger Geschäftspartner spricht von Euphorie. "Ich war überrascht, wie emotional er war. Er wirkte wie elektrisiert. Da war auch ein Schuss Größenwahn dabei."

"Überblickst du das alles noch?", fragt ihn eine Freundin. In jenen Jahren, Mitte der 90er, tauchten erste Gerüchte auf. Ernst greife nun auch zu fraglichen Mitteln. Im Fall Sachsenmilch verbrennt er sich zum ersten Mal die Finger. Er akzeptiert maßlos überzogene Forderungen des Stuttgarter Großaktionärs Südmilch, der damit seine Bilanz schönen will. In der Folge flieht der Ex-Chef der Südmilch, Wolfgang Weber, auf seine Ranch nach Paraguay. Ernst, der sich höchstens eines Flüchtigkeitsfehlers zeiht, muss wegen "Beihilfe zur Untreue" 630.000 Mark Strafe zahlen.

Er schäumt. Nicht mal jetzt hält er inne, merkt er, dass man mit Schmutzfinken keine sauberen Geschäfte machen kann. Vielmehr verwildern seine Geschäftspraktiken in dem Maße, in dem der finanzielle Druck zunimmt. Im Osten waren Millionenverluste entstanden. "Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen", kommentiert Loge in "Rheingold" den eitlen Aufstieg der Götter.

Der Götterdämmerung erster Akt brach an vor genau einem Jahr. Zum ersten Mal kam die Heidelberger Kripo in Ernsts mit Fernsehkameras gesicherte Privatvilla im Hölderlinweg am Freitag, dem 24. März, um neun Uhr. Aber der Unternehmer, ausgewiesener Frühaufsteher, war schon um vier Uhr morgens weggefahren - um das erste Flugzeug nach Hamburg zu kriegen.

Sibylle Zehle

Götterdämmerung

Der tiefe Sturz des Roland Ernst. Vom bedeutendsten Projektentwickler Deutschlands, vom geachteten Mäzen und hoch geschätzten Mitglied der Gesellschaft zum Wirtschaftskriminellen - manager magazin schildert die bittersten Monate des einstigen Immobilien-Tycoons.

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