Porträt Eine Seifenoper mit allen Zutaten

Tut man so was? "Ich brauch' Liquidität", so habe sich der May jeweils ausgedrückt, mal waren es 10.000, mal 20.000 Mark. Ernst ringt nach Luft: "Ich konnte es nicht mehr hören." In seinem Wertesystem ist ganz klar, wer da Täter und wer da Opfer war.

Bis heute sieht er nicht wirklich, dass derjenige, der mit Erpressern kungelt, sich bereits auf das Niveau derselben begeben hat.

Wer die Akten studiert, denkt, TV-Regisseur Dieter Wedel ("Der große Bellheim", "Der Schattenmann") habe beim Drehbuchschreiben im Penthouse auf Mallorca zu viel Rotwein getrunken. Was für eine Seifenoper. Mit allen Zutaten: Habgier. Liebe. Hass. Neid. Verrat. An großen Projekten hängen Makler wie Wegelagerer. Bauträger schanzen sich gegenseitig Scheinrechnungen zu. Ein Netzwerk von Halunken kassiert ab.

Jahrzehntelang hat das System Ernst reibungslos funktioniert - nach einem klaren Schema, Gewerbebauten nur im Auftrag, finanziert je zur Hälfte aus Eigen- und Fremdkapital. Seine Kunden hießen IBM, BASF, ABB, Lufthansa und Siemens. Mit 250 Mitarbeitern erwirtschaftete die Gruppe Roland Ernst als Initiator, Generalübernehmer, Investor bis zu 700 Millionen Mark Umsatz jährlich. Baulöwe? Immobilienhai?

"Roland Ernst ist ein geradezu ungewöhnlich freundlicher Mensch. Auf beinah schlichte Weise zuvorkommend, aufmerksam, gewinnend", beobachtete letzten Dezember "Die Zeit" und fragte sich: Wie konnte ausgerechnet dieser Mann - er hat weltweit über 12,5 Milliarden Mark verbaut - ein so gewaltiges Rad drehen? Und: Warum blickt ausgerechnet dieser Mann nun ins Nichts, umstellt von hässlichen Vorwürfen?

Gefühlvoll, lebensfroh. So lernten wir ihn kennen. Jahr um Jahr begegneten wir ihm in Bayreuth. Nach den Premieren hielt der Opernfreund in "Pflaum's Posthotel" zu Pegnitz Hof - an seinem Tisch, versorgt mit Karten von seinen Gnaden, saß regelmäßig sein Anwalt und Generalbevollmächtigter Thomas Gatzka. Ein jovialer humorvoller Badenser bewirtet seine Freunde. Aber wie wir heute wissen: In Wahrheit saß da Wotan am Tisch, Wotan, der sich nicht an die Gesetze hielt, die er selbst erlassen hat - und sein Verräter.

In Bayreuth spielten sie mit dem "Ring" immer auch sein eigenes Stück. Die Geschichte einer durch Politik ruinierten, durch Macht korrumpierten Welt. Aber er summte bei den "schönen Stellen" mit - und schloss die Augen.

Die Wende, sagt eine Gefährtin dieser Jahre, die habe auch Roland Ernst gewendet, nach der Wiedervereinigung habe der Heidelberger sein Maß verloren, den Rahmen verlassen, den er auszufüllen verstand. Ernst entwickelte und produzierte nun auf Vorrat. Berlin: Quartier 207, Twin Towers am Treptower Park. Carré am Gendarmenmarkt. Hackesche Höfe. Das Neue Kranzlereck. Park Kolonnaden am Potsdamer Platz. In enger Kooperation mit den Banken investierte er in den neuen Bundesländern über 6,5 Milliarden Mark, davon allein 2,5 Milliarden in Berlin.

Sibylle Zehle

Götterdämmerung

Der tiefe Sturz des Roland Ernst. Vom bedeutendsten Projektentwickler Deutschlands, vom geachteten Mäzen und hoch geschätzten Mitglied der Gesellschaft zum Wirtschaftskriminellen - manager magazin schildert die bittersten Monate des einstigen Immobilien-Tycoons.

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