Porträt Wie sieht eine Erpressung aus?

Und wie findet so was statt? Wir kennen derartige Übergaben nur aus Vorabendserien. Hat man dafür einen Keller mit Safe?

Die drei Millionen hat Roland Ernst bei der Postbank Ludwigshafen abgehoben und dann in seiner Bibliothek versteckt, hinter den schweinsledernen Buchrücken des gewichtigen "Thieme-Becker", einem Standardwerk, in dem die bedeutendsten Gemälde der Welt verzeichnet sind. Dahinter ruhten die Millionen drei Tage lang, bis Sonntagvormittag.

Da kamen die Herren May und Hadergasser vorbei. Beide aus bescheidensten Verhältnissen, zwei Aufsteiger, wie sie im Buche stehen. Ernst hatte das Geld bereits in zwei Hälften geteilt, ohne Banderole, einfach zwei Pakete, in Papier eingewickelt. Und fand er das alles normal? "Gott, was ist schon normal", sagt er. "Das war vereinbart, da halte ich mich dann auch daran." Und was macht man danach? Geht man in die Sauna? Eine Runde schwimmen im Pool? Oder stimmt es, dass Hadergasser mit den Millionen unterm Arm in seinem schwarzen getunten Porsche (400.000 Mark) davongebraust ist, May sich nach der Geldübergabe aber auch noch zum Mittagessen einladen ließ?

Ernst bleibt wieder stehen. Der May hat sich immer zum Essen einladen lassen, sagt er. Ob an diesem Sonntag, das weiß er gar nicht mehr so genau, erinnert nur noch, dass er gedacht hat: Fort isses, das schöne Geld.

Sieht so eine Erpressung aus?, fragte sich die Staatsanwaltschaft im Dezember vergangenen Jahres am Landgericht Bochum. Und verurteilte die beiden ehemaligen Bundesbahn-Manager nur wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung. May habe sich "sicher nötigend und erpressungsgleich" verhalten. Bei den Zuwendungen habe es sich aber um laufende Zahlungen gehandelt, "auf der Grenze zur Erpressung".

Strafmildernd wurde gewertet, dass das Erpressungsopfer Ernst dem Täterduo auch noch Zugang zu seinem Schweizer Treuhänder verschaffte. "Ich hatte wahnsinnige Angst", schreibt er seinem Anwalt, dem Heidelberger Alexander Keller, die beiden Herren "würden ein überschwängliches Leben führen" und ihn dadurch gefährden (was sich nachträglich bestätigt hat).

Natürlich fühlte sich Roland Ernst erpresst! Heimtückisch erpresst. Im Weltbild des Bauunternehmers gibt es Geschäftsfreunde, auf die man sich verlassen kann. Von denen bekommt man Tipps und Hilfen, für die man sich auch mal erkenntlich zeigt. Aber May und Hadergasser, diese Haderlumpen, die er an seinem Busen genährt, die er schon in St. Moritz verwöhnt oder an der Cote d'Azur in seinem Boot spazieren gefahren hat, mit denen er ungezählte Sonntagabende bei weißem Käs' und Bratwürscht' im Landgasthof "Gaul" in Waldhilsbach zusammengesessen ist, sie haben ihn getriezt und ausgepresst, als sie rochen, dass er angeschlagen, dass er klamm war.

Sibylle Zehle

Götterdämmerung

Der tiefe Sturz des Roland Ernst. Vom bedeutendsten Projektentwickler Deutschlands, vom geachteten Mäzen und hoch geschätzten Mitglied der Gesellschaft zum Wirtschaftskriminellen - manager magazin schildert die bittersten Monate des einstigen Immobilien-Tycoons.

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