Mittwoch, 19. Juni 2019

Karrierestart Alte Tugenden

Wer aufsteigen will, braucht mehr als Fachwissen. Personalleiter verschiedener Branchen berichten, was sie von künftigen Managern erwarten.

Morgens um Viertel nach elf geraten die adretten Damen und Herren zum ersten Mal aus der Form. Bei den Frauen verschwimmt das Make-up über glühenden Wangen, bei den Männern werden sorgsam gelegte Scheitel zerrauft.

Dreieinhalb Stunden lang waren sie nur nett zueinander, haben sich allenfalls beim Produzieren von Teamgeist überboten. Doch nun herrscht Stress. Ab sofort ist jeder auf sich allein gestellt. Ausgemachte Gegner warten auf die jungen Leute. Die sollen Punkte machen beim Durchsetzen ihrer Interessen in einem präzise umrissenen Konflikt. Jeder Punkt ist ein Meilenstein auf dem Weg in die Chefetage.

Die zehn Hochschulabsolventen, die an diesem Tag die Tests eines Assessment-Centers (AC) durchlaufen, haben sich für ein Trainee-Programm der Stuttgarter Debitel AG beworben. Aufgabe Nummer drei ist eine simulierte Bürgerversammlung: Jeder einzelne der künftigen Manager soll ein ökologisch heikles, aber ökonomisch viel versprechendes Bauprojekt präsentieren - und gegen Kritiker verteidigen.

Die sitzen im Publikum, gespielt von den Prüfern, die im AC "Beobachter" heißen. Sie übernehmen die Rollen von Umweltschützern und von Bauern, die sich um die Qualität ihrer Ackerbäden sorgen. Deren Argumente sollen die künftigen Manager entkräften.

Dabei kommt es nicht so sehr auf die sachliche Richtigkeit ihrer Gegenwehr an. Wichtiger ist die Sympathie, die sie für sich und ihr Projekt wecken können, und die Atmosphäre, die sie in dem gespielten Streitgespräch schaffen - indem sie etwa eine festgefahrene Diskussion durch eine launige Zwischenbemerkung entkrampfen. Für solche "Führungsqualitäten" gibt es die ersehnten Punkte.

Die vermeintlich diffusen Fähigkeiten zum Führen - wie Selbstvertrauen und Sozialkompetenz - stehen nicht nur im AC bei Debitel im Vordergrund. Generell geht es bei allen Bewerbern, die es erst mal bis zum persönlichen Kontakt mit dem potenziellen Arbeitgeber geschafft haben, kaum noch um "harte Fakten":

  • Notendurchschnitte und absolvierte Spezialseminare spielen eine minimale Rolle.


  • Examensnoten taugen nur noch als Eintrittskarte für das Vorstellungsgespräch.


  • Das Studienfach, einst aus Neigung oder Talent gewählt, besagt wenig über die Eignung für Managementpositionen.


  • Auch das Renommee der besuchten Hochschulen zählt fast nicht mehr.


  • Ausschlaggebend ist Persönlichkeit.
Die lässt sich viel exakter erfassen, als antiquierte Begriffe wie Charakter oder Naturell vermuten lassen. Heute geht es vor allem um Schlüsselqualifikationen, also um Persönlichkeitsstärke, Führungstalent und Organisationsgeschick.

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