Samstag, 21. September 2019

Porträt Krämers Seele

Hans Reischl - Er ist das Hirn, das Herz und das Nervenzentrum des Handelsriesen Rewe. Er steht auf Macht und moderne Kunst. Und jetzt kämpft er ums Überleben.

In gewisser Weise hat der bekannte Kölner Super-, Groß- und Machtmanager Hans Reischl (61), der Mann, den nichts umhaut, von seinem Geschäft die Schnauze voll: Der Markt gibt einfach nichts her; kaum Geld zu verdienen; zu viel Schweiß für dieses dumme, kleine, hässliche, elende halbe Prozent Umsatzrendite. Hör bloß auf, Mann.

Als störrischen Ausdruck dessen, dass Rewe, bei Gott, nicht alles ist und nicht sein darf im Leben, hat der Firmenchef sein 80er-Jahre-Innenstadthauptquartier unweit des Doms mit einem Gemälde von Markus Lüpertz ("Toller Kerl") dekoriert und einem so genannten Medienbaum.

 Reischl ist eins mit Rewe: Rewe berühren heißt Reischl berühren.
DPA
Reischl ist eins mit Rewe: Rewe berühren heißt Reischl berühren.
Schick, stumm, aber traurig flackern vier TV-Monitore postmodern vor sich hin und erzählen eine Flimmergeschichte vom Draußen. Da, bitte, schon wieder: irre Kühe auf den Nachrichtenschleudern N24 und N-TV. Rinderwahn. Mad in Germany.

Mann - Mann ... verrate ihm mal einer, wie das Wurstbusiness da noch Spaß machen soll? Hör auf. Hör auf!

"Auch 'n Schluck Tee, grünen?", fragt Reischl, aber man lehnt natürlich ab. Grüner Tee ist was für Freaks und sentimentale Gedankenmacher.

Reischl nimmt einen Schluck, stellt die Tasse zurück - klick -, kreuzt die Arme vor sich auf dem Tisch. Die Klamotten sitzen - schick -, und draußen rieselt der Schnee. Genau so fühlt sich Februar 2001 an.

Irgendwann würde er später sagen: Diese Stimmung erinnere ihn an ... wann war das noch? ... ja '54. Er lernte Industriekaufmann in Solingen und war für ein paar Tage nach Hause gekommen. Nach Heindlschlag bei Passau. Dorthin, wo Deutschland aufhört. Da habe es auch so geschneit. Das wisse er noch ganz genau. Weihnachten war's.

Der Schnee lag so hoch, dass nicht einmal der Trecker seines Vaters durchkam. Die Mutter habe ihn vom Bahnhof abgeholt. Stundenlang zu Fuß nach Hause. Ein weiter Weg.

Seit 24 Jahren steht Reischl, der zuweilen ein leises Summen in den Ohren hört, aber versucht, nicht darauf zu achten ("Das wäre ganz verkehrt"), an der Konzernspitze. Aus dem verschlafenen Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften hat der jüngste Spross einer niederbayerischen Bauernsippe einen straff gelenkten Handelskonzern mit einem Umsatz von über 70 Milliarden Mark und 175.000 Beschäftigten gemacht (siehe Kasten Seite 112).

Zum Imperium gehören 12.000 Groß-, Super-, Discount-, Elektro-, Drogerie- und Baumärkte, Reisebüros und -veranstalter und eine Beteiligung an der Kirch-Gruppe (ProSieben Sat 1 Media AG). Die Rewe ist ein unentwirrbares, undurchdringliches Geflecht von über 500 Firmen.

Und all dies ist das Ergebnis einer schönen Einzelleistung.

Der Mann, der so eins mit seinem Unternehmen geworden ist und es mit ihm, bietet eine seltene, dafür aber echte Komplettvision: Wenn er an seinem Tee nippt, dann erstreckt sich sein Nervensystem bis in dieses Stück weißen Porzellans hinein. Er hat den höchsten Zustand unternehmerischer Anwesenheit erreicht: Rewe berühren heißt Reischl berühren.

Verschwörungstheoretiker und Moralökonomen mutmaßen, hinter der Maske des bayerischen Biedermanns verberge sich die Fratze des Beutekapitalisten, irgendwas Verschlagenes, Lichtscheues, Grässliches, jedenfalls Seltsames.

Mit Sicherheit sei Reischl irgendwie "einer der einflussreichsten Manager in Europa", quietschen "Frankfurter Allgemeine" und "Handelsblatt" nacheinander; irgendwie wohl aber vielleicht doch eher der "Howard Hughes des deutschen Einzelhandels", tremoliert die "Wirtschaftswoche" versiert ins Dunkle.

Das Howardhughesartige am Rewe-Anführer, der sinnigerweise ein stadtbekannter Kunstsammler, Golf-Fan (Handikap 21) und Wolfgang-Overath-Anhänger ("Ein echter Freund") ist, es wird wohl hervorgerufen durch seine gänzlich geheimnisfreie Erscheinung: Sein Antlitz wird von einem ominösen Schnurrbart alarmiert, wie man ihn aus Opel Astras kennt.

Klaus Boldt

Porträt: Hans Reischl

Er ist das Hirn, das Herz und das Nervenzentrum des Handelsriesen Rewe. Er steht auf Macht und moderne Kunst. Und jetzt kämpft er ums Überleben.

Teil II: Reischls Wunderschnurrbart

Teil III: Ganz ohne Pathos

Teil IV: Der Weg an die Spitze

Teil V: Männerfreundschaften unter Alleinentscheidern

Teil VI: Wie soll es weitergehen?

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